13 Im Zirkus Pfarrer Heller, was wird Ihnen fehlen, wenn Sie nicht mehr Seelsorger der Zirkusleute sind? Am meisten werde ich die vielen Begegnungen mit äusserst interessanten Menschen vermissen. Mit diesen ihre Freuden und Sorgen, ihre Ängste und Hoffnungen zu teilen und für sie da zu sein. Wie sorgen Sie als Seelsorger für die Seele der Zirkusleute? In erster Linie so, dass ich einfach da bin und den Menschen zuhöre und offen auf sie eingehe. Oft braucht es gar nicht viele und komplizierte Worte, sondern ein Lächeln, einen Händedruck. Auch echte Anteilnahme hilft der Seele des Menschen. Wie ist das Empfinden für Schuld und Sünde in der Zirkuswelt? Die Artisten im Zirkuszelt, in der Manege und hoch oben auf dem Trapez wissen, dass sie mit ihren Künsten oft am Limit des Lebens stehen. Sie riskieren viel, ja sogar ihr Leben. Sie haben ein sensibleres Empfinden für Sünde und Schuld, denn das moralische und ethische Denken ist vererbt von ihren Vorfahren. Meistens werden die Kinder von den Grosseltern im Wohnwagen erzogen, weil ihre Eltern stark im Zirkus engagiert sind. Ihre kindliche Frömmigkeit ist geprägt von tradierten Gebeten und starker Verehrung der Gottesmutter Maria. Sie legen grossen Wert auf Segnungen, damit sie vor allem Unheil beschützt seien. Denn im Hintergrund schwingt immer noch ein kleiner Aberglaube an böse Geister mit. Sündigt sich im Zirkus leichter als anderswo? Das ist für mich eine seltsame Frage. Eigentlich fixiere ich mich nicht auf die Sünde und die Schuld des Menschen, sondern auf seine positiven Eigenschaften. Natürlich gibt es überall Gemeinheiten, Schuld und auch Sünde. Im Zirkus wohl gleich viel wie überall, wo es Menschen gibt. Mir ist wichtig aufzuzeigen, dass echte Schuld und Sünde immer auch den Verursacher belastet und trifft. Wer gemein ist, schadet letztlich sich selbst wie auch dem Nächsten. Wer aufbaut und liebt, bereichert seine Umwelt und sich selbst. Haben Sie im Zirkus auch die den Katholizismus auszeichnende «Sündenfreudigkeit» angetroffen? Hier stellt sich die Frage, was Sünde überhaupt ist. «Alles, was Spass macht, ist verboten, ist eine Sünde oder macht dick» lautet ein Ausspruch, den ich mal gehört habe. So kann es ja nicht sein. Früher galt gerade auch bei uns Katholiken als Sünde, was wir heute nicht mehr als Sünde verstehen. Hier denke ich, hat das Zirkusvolk immer ein Gespür gehabt, was wirklich Sünde ist und was bloss unnötige, zeitgeistige, kleinherzige Verbote einer vielleicht auch zu engen Kirchenmoral sind. Ist ihr Wohnwagen auch Beichtstuhl? Der Ort, wo ich mich meiner selbst stelle – mit meinen Stärken und Schwächen – spielt letztlich keine Rolle. Es braucht stets ein offenes Gegenüber und bei einem Beichtgespräch das tiefe Vertrauen, dass Gott uns im Sakrament wirklich losspricht, von dem, was uns belastet. Darum versuche ich einfach, dem Menschen zu helfen, überhaupt zu erkennen, dass er Unrecht getan hat und damit sich und anderen Schaden und Verletzungen zufügte. Viele spüren zwar: hier mache ich etwas falsch. Aber wir Menschen sind sehr erfinderisch, wie wir das schlechte Gewissen zum Schweigen bringen und mit allen möglichen und unmöglichen Erklärungen uns selber entschuldigen und «frei sprechen». Hier anzusetzen und einen wirklich offenen und unverstellten Blick auf uns selbst zu werfen, macht uns wirklich frei von Schuld und ermöglicht echte Neuanfänge. Und das ist auch im Wohnwagen möglich! Im Gespräch mit Zirkuspfarrer Ernst Heller Kloster Baldegg
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