baldeggerjournal

2 Bildungshaus Stella Matutina Arm werden und betteln, aber wie? P. Werner Hegglin, Dr. phil., Horw Als es in der Stella Matutina, Hertenstein, noch «Die andern Exerzitien» gab, versammelten wir uns jeweils zeitig am Morgen im Garten am See. Wir liessen das grosse Wasser auf uns wirken und den Pilatus mit seinem Spiegelbild. Dabei wurden wir im Atem langsamer; stiller, leerer und ärmer. Bevor wir aufstanden, um unsern Weg zu beginnen, lasen wir jeweils den Grundsatz für den Tag, geschrieben vom Philosophen Hermann Schmitz: Ich möchte den heutigen Menschen nahe legen, sich selbst nicht so gar wichtig zu nehmen; denn Menschen sind wichtig als Medien der Darbietung von etwas, das an und mit ihnen geschieht, dem sie dienen oder sich widersetzen können. Am Vorabend hatten wir diesen Satz besprochen: dass es nicht ums Haben geht, dass Armsein Voraussetzung ist, etwas zu bekommen und dass Sein und Verstehen vom Empfangen abhängen. Damit ist das Thema gegeben: Arm werden und betteln, aber wie? Arm werden Wir gehen miteinander auf den Weg. Zuerst der steile Aufgang zum Tanzenberg. Ein Biologe, der einmal dabei war, sagte nachher, er hätte auf diesem kurzen Stück mindestens siebzig verschiedene Blattformen gesehen – ein Paradies! Dann biegen wir ein in den Eichenweg. Es geht den alten Riesen entlang, die hier an der Bergkante aufragen; mehr als hundert an der Zahl, zwei- und dreistämmige Ungeheuer, hintereinander, zweihundert bis fünfhundert Jahre alt. Plötzlich öffnet sich die Waldwiese mit schönem Gras, viel Löwenzahn im Gegenlicht und neu bepflanzt mit Kastanienbäumchen, die gut gedeihen. Am Ende treten wir ein in den Marroniwald; er ist naturbelassen, ohne Weg, ein Traum. Wir gelangen zu einem ausgeholzten, schmalen Südabhang; hier waren die Sitzreihen und unten die Bühne eines einst europäisch berühmten Freilichttheaters vor dem ersten Weltkrieg. Geblieben ist nur die Naturkulisse: ein von Rindern schön gerippter Gegenhang, oben eine mächtige Linde und dahinter der weite Blick in die Bergwelt hinein. Unendlich schön. Wir steigen dann ab bis zum verborgenen Waldweiher, wild umgeben von Schachtelhalm, Spiräen und falterumflattertem stark duftendem Sommerflieder. Dann ein steiler Aufstieg im Lichte der Sonnenflecken. Es ist der Herrenwald (die Herren von Luzern!) mit einem Bestand enorm hoher Eschen und Föhren, himmelhoch. Im Ganzen ein heller, heiterer Wald. Er tut sich dann auf und zeigt die ganze Breite der Vierwaldstätter-Landschaft: links Rigi, Vitznauerstock, unten beidseits die Nas, dahinter das Buochserhorn, Glattigrat, Schwalmis und Brisen, und nach hinten öffnet sich das Schächental: zuerst der Rophaien, dann zu hinterst der frisch angeschneite Chammlistock und, mächtig elegant, das Scherhorn. Alles in allem ein Reichtum sondergleichen und von A bis Z. Nur: wenn ich das alles verpasse; wenn ich vorwärts gehe, mechanisch besetzt und völlig absorbiert; verstrickt in immer gleiche Probleme und unzählbare Absichten, gegen die ich mich nicht wehren kann – dann bin ich zwar stark beschäftigt, aber arm. Diese Art Armut ist dann meine Armut und meine Unfähigkeit, mir von der Umgebung etwas schenken zu lassen. Betteln, aber wie? Sich auf dem Weg etwas schenken lassen? Die Wanderexerzitien dauern eine Woche; vielleicht enden die ersten zwei Tage noch in Armut, wo ich mir am Abend sagen muss, all die bohrenden Fragen und die drängenden Programme hätte ich auch zuhause umwälzen können. Aber am dritten Tag, vielleicht, löst sich etwas von dem Zwang, die eine und andere der eindrücklichen Eichen erscheint im Rückblick; Löwenzahnblätter werden sichtbar, die beiden Pappeln und darüber die weisse Wolke bleiben eindrücklich. Sogar die Mitwandernden gewinnen zwischendurch an Wirklichkeit. Dreimal gibt es einen Halt auf dem Weg. Ich esse einen Apfel, strecke mich aus und döse etwas vor mich hin. Da erscheint das vor Nässe glitzernde Stechlaub und

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