baldeggerjournal

4 Baldegger Mission Sr. Madeleine Schildknecht, Sarajewo, Bosnien Geben Sie Ihr Almosen lieber Kindern oder Menschenhändlern? Geben Sie Ihr Almosen lieber Kindern oder Menschenhändlern? Mit dieser Frage fordert eine Plakataktion in Sarajevo Passanten in zwei Sprachen auf, vernünftig auf bettelnde Kinder zu reagieren: Bosnisch, weil Almosengeben Teil des muslimischen Charakters und eine der fünf Säulen der islamischen Lebensweise ist. Englisch wegen der Touristen, die es nicht übers Herz bringen, an bettelnden Kindern vorüber zu gehen. Ich kenne das flaue Gefühl im Magen, wenn sie einem hartnäckig bedrängen: «Hast du eine halbe Mark?», wenn sie in der Fussgängerzone auf der Strasse sitzen, singen und Akkordeon spielen, oder wenn sie an Kreuzungen während der Rotlicht-Phase Scheiben putzen und ein paar Pfennige dafür wollen. Ich gebe nie etwas, um nicht Menschenhändler zu unterstützen. Die Kinder gehören meistens zu den Roma, die in Bosnien und Herzegowina eine sehr arme diskriminierte Minderheit bilden. Nicht selten «vermieten» Eltern Kinder für eine bestimmte Zeit an Bekannte, die sich in kurzer Zeit ein Vielfaches vom bezahlten Preis erarbeiten. Das Plakat ruft zur Unterstützung des staatlichen «Tageszentrums für Kinder, die auf der Strasse arbeiten» auf. Hier können sie sich aufwärmen, duschen und baden, saubere Kleidung bekommen und etwas essen. Ein wenig gebrauchtes Spielzeug und Computer stehen zur Verfügung. Während ein paar Stunden erholen sich die Kinder vom Stress der Strasse, von Beschimpfungen, Drohungen der Polizei und gewalttätigen Streitereien. Auch wir leisten unseren Beitrag. Im Projekt «Weiterbildung von Studierenden für Freiwilligenarbeit mit marginalisierten Kindern» erhalten sie im Zentrum eine «Lehrerin» oder einen «Lehrer». Die Freiwilligen, meist Studentinnen der Psychologie, Sozialarbeit und Pädagogik, denken sich alltägliche Aktivitäten aus, die Kinder lernen müssen: In der Gruppe spielen und kommunizieren, Gefühle auf kultivierte Art ausdrücken, grüssen, danken, sich Essen und Trinken kaufen, das Taschengeld von drei, vier Mark auf dem Ausgang planen, Tram oder Busticket kaufen, sich höflich verhalten im Bus, ein Picknick vorbereiten, Zoo, Kino, Theater und öffentliche Gebäude besuchen usw. Gelegentlich organisieren sie mit den Kindern einen Maskenball oder gehen in kleinen Gruppen in die Stadt. Die meisten Kinder leben in chaotischen sozialen und zeitlichen Strukturen ohne Verlässlichkeit und Bindung. Schon nach kurzer Zeit entwickeln sie eine Vorliebe für eine bestimmte «Lehrerin», und sie kommen immer dann ins Zentrum, wenn sie da ist. Auf Ausflüge und Maskenball bereiten sie sich sorgfältig vor: Sie waschen sich, kämmen sich eine Frisur und tragen saubere Kleider. Sie geniessen offensichtlich das Gefühl des Normalseins. Als ich kürzlich mit einer Freiwilligen durch die Hauptstrasse von Sarajewo ging, bat ein Junge mit düsterer Leidensmiene um Geld. Als er meine Begleiterin erkannte, stutzte er, und sein Ausdruck verwandelte sich in strahlende Freude. Er streckte ihr die Hand entgegen, blickte ihr in die Augen und sagte: «Guten Tag, Lehrerin, wie geht es Ihnen?» Wie aus dem Knigge!

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