6 Betteln, um andere glücklich zu machen Schwester Denise, man sagt, du seist ein Bettelsack? Eigentlich stimmt’s schon, ja, ja, ich bin ein Bettelsack. Ich möchte halt einfach das Möglichste tun für die Kinder in Tanzania. Solange ich irgendwie kann. Bettelst du nicht nur bei uns in der Schweiz? Oh, ich bettle, wo immer ich bin und wo immer ich kann! Ich nehme jeden Franken, aber natürlich würde ich auch eine Million nehmen. Denn ich habe noch Hunderte von Projekten! Heute habe ich zwar ein wenig mehr Hemmungen beim Betteln als früher.Vielleicht weil ich schon etwas älter geworden bin. Als ich jung war, hat es mir überhaupt nichts ausgemacht. Wie hast du Betteln gelernt? Ein alter indischer Mann, der mich an Gandhi erinnerte, hat einmal zu mir gesagt: «Wenn du etwas erhalten willst, dann musst du mitkommen.» Dann sind wir miteinander in Dar es Salaam von einem Autoersatzteilshop in den nächsten marschiert. Zuerst sprach er mit dem Besitzer auf indisch, ich verstand nichts und dann forderte er mich jeweils auf, mein Anliegen zu sagen. So lernte ich, dass es wichtig ist, als Person hinzustehen für das, was man erbittet. In der Schweiz ist es komplizierter. Da braucht es wohlformulierte Projekte und viel Papier. Da bin ich nicht so versiert. Ich habe auch schon Whoopi Goldberg angeschrieben, das ist die afroamerikanische Schauspielerin, die Sister Act spielte. Erhalten habe ich zwar nichts, aber sie hat mir wenigstens ein nettes Brieflein geschickt. Aber meist bekomme ich schon etwas. Welche Gefühle hast du, wenn du bettelst? Gute. Denn ich bin überzeugt, dass ich mich für eine gute Sache einsetze. Gibt es auch überraschende Erlebnisse beim Betteln? Kürzlich erlebte ich etwas Grossartiges. Da kam eine Person aus Amerika zu uns nach Mwanza und war so von unserer Montessori-Arbeit überzeugt, dass sie sich spontan entschied, mir für zwei Jahre eine Summe zu schenken. Hier musste ich nicht einmal betteln. Wunderbar! Denkst du, die Leute sollten mehr Geld für soziale Projekte ausgeben? Letzthin habe ich von einem Herrn gehört, der viel zu viel Geld habe und nicht wisse, wem er es geben solle. Das finde ich doch traurig. Am liebsten würde ich ihm telefonieren, ihn einladen, zu mir nach Mwanza oder nach Dar es Salaam zu kommen. Dort würde ich ihm gerne zeigen, wie er sein Geld sinnvoll einsetzen kann. Ich bin überzeugt, das würde ihn glücklich machen. Wenn ich so viel Geld hätte und ins Alter käme, dann wäre ich doch happy zu wissen, was ich mit meinem Geld unterstützt habe. Wir können ja keinen roten Rappen mit in den Himmel nehmen. Was hast du durch dein Betteln alles ermöglichen können? Weil ich in den gut dreissig Jahren viele Kindergärten und Schulen in Tanzania gebaut habe, konnte ich schon Tausenden von Kindern den Schulunterricht ermöglichen. In dieser Zeit haben wir in Dar es Salaam und in Mwanza auch zwei grosse Montessori Zentren aufgebaut. Hier bildeten wir Hunderte von Kindergärtnerinnen aus. Die sind dann zurückgekehrt in ihre Dörfer und haben dort selber Kindergärten eröffnet. Durch uns haben viele Lehrerinnen und Lehrer einen guten Arbeitsplatz bekommen, mit den vielen Bauvorhaben verschaffen wir den Leuten Arbeit. Aber am meisten freut mich, dass ich mit meinem Betteln so viele Eltern und Kinder glücklich machen konnte. Sr. Denise Mattle wirkt seit 1981 in Tanzania. Was sie vom Betteln hält, wie sie es tut und warum sie es tut, darüber unterhält sie sich mit Sr. Marie-Ruth. Baldegger Mission
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