8 Kloster Baldegg Wer über das Betteln nachdenkt, kommt leicht in Verlegenheit. Das Wort ist zwar klar. Betteln ist eine gesteigerte Form von Bitten. Doch was hat es mit dem Betteln selbst auf sich? In der Bibel steht: «Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen» (2 Thess 3,10). Dies bedeutet: Wer die Fähigkeit und Gelegenheit zur Arbeit hat, soll sich durch diese Erwerbsarbeit den notwendigen Lebensunterhalt auch selber verdienen. Wer kann, soll von seiner eigenen Hände Arbeit leben und nicht ohne Not den Mitmenschen zur Last fallen. Aber was ist mit dem, der entweder arbeitsunfähig oder arbeitslos ist, folglich über kein Einkommen verfügt und zusätzlich kein Vermögen besitzt, aus dem er den Lebensunterhalt bestreiten könnte? Bei uns tritt in dieser Lage der Sozialstaat ein, und zwar mit der Sozialversicherung Betteln – eine vieldeutige Frage, eine eindeutige Mahnung P. Dr. Albert Ziegler SJ, Zürich und notfalls auch mit der staatlichen Fürsorge. Aber dieser Sozialstaat ist keineswegs weltweit gegeben. Häufig tritt dann die Grossfamilie an die Stelle des fehlenden Sozialstaates. Doch wenn auch die Familie ausfällt? Dann ist man bettelarm. Man ist durch das soziale Netz des Sozialstaates und der Familie gefallen. Nun versuchen nicht-staatliche Organisationen weiterzuhelfen. Denken wir nur an die kirchliche Sozialhilfe der Caritas und der Heilsarmee oder an die Sozialwerke von Pfarrer Sieber. Darum braucht hierzulande niemand auf der Strasse betteln zu gehen, und die Hausschilder «Betteln und Hausieren verboten» sind überholt. Trotzdem gibt es auch bei uns noch immer den persönlichen Bettel unmittelbar von Mensch zu Mensch. Jedes Pfarrhaus und jede Klosterpforte hat Kunden, die regelmässig, aber oft mit immer neuen Geschichten anklopfen. Man ist eben aus dem Krankenhaus oder Gefängnis entlassen worden. Das Fahrgeld für die Beerdigung der Grossmutter in Genf fehlt. Und die Büros der Caritas sind übers Wochenende geschlossen. Dazu kommt: Durchreisende sind unvorhergesehen in Not geraten. Ausländer, die sich illegal in der Schweiz aufhalten, versuchen sich bettelnd über Wasser zu halten. Kinder werden auf die Strasse geschickt, damit sie – mit grossen, traurigen Augen und ausgestreckten Händen bettelnd – das Mitleid der Wohlstandsschweizer erregen. Schliesslich mag es Bettler geben, die gleichsam von Berufes wegen dem Bettel nachgehen aus Gründen, die nicht unmittelbar finanzieller Art sind. Halten wir darum als Erstes fest: Hierzulande ist – wenigstens grundsätzlich – niemand bettelarm. Aber weltweit können viele Menschen nur durch Betteln überleben. Sie überleben nur dank der Hilfe von Mitmenschen, an die sie sich in ihrer Not wenden. Vergessen wir aber auch nicht, dass vor nicht langer Zeit auch viele Menschen bei uns bettelarm waren. Als Kinder haben wir noch «I Muetters Stübeli» gesungen mit der Mahnung: «Du nimmsch dr Bättelsack un i dr Chorb …». Heute sagen wir nur noch einem Kind, das allzu fest und zu lange müdet und nicht aufhört, «Bittibätti zu machen»: «Du bist ein Bettelsack». Freilich wird auch heute bei uns gebettelt, und zwar häufig und gekonnt. Der Bettel geschieht in Form der Bettelbriefe, die
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