baldeggerjournal

9 Tag für Tag im Briefkasten und häufig anschliessend auch im Papierkorb landen. Diese sogenannten Bettelbriefe sind eine Einladung, uns durch eine Spende an einem Projekt zu beteiligen, das irgendeine Not zu beheben oder zu lindern bezweckt. Die Briefe sind meistens professionell verfasst – nicht selten durch eine Werbeagentur, die ihr Handwerk versteht und damit ihr Geld macht. Derart sind die Bettelbriefe häufig kommerzialisiertes und professionalisiertes Betteln. Leicht wird der Spender zum Sponsor. Derart kommt es zur zweiten Einsicht: Bei uns geschieht der Bettel am häufigsten durch Bettelbriefe. Wir sollen auch hier nach unseren Möglichkeiten helfen, aber guten Gewissens mit kritischem Verstand. Überdies gibt es auch bei uns jene Orden, die man früher Bettelorden nannte. Dies waren – in den verschiedensten Ausprägungen – Gemeinschaften von Frauen oder Männern, die persönlich auf Eigentum und Besitz verzichteten und ihre Arbeit nicht als Erwerbsarbeit, sondern um Gotteslohn verrichteten. Sie wollten arm sein und ihren ärmlichen Lebensunterhalt vielleicht sogar erbetteln. Als im Mittelalter die Naturalwirtschaft mehr und mehr zur Geldwirtschaft wurde, waren die Bettelorden ein wirksames Zeichen dafür, dass nicht alles am Geld liegt, sondern dass man auch in einer Geldwirtschaft von der Hoffnung auf Gottes gütige Vorsehung zu leben vermag. Und heute? Die Ordensleute sind nicht mehr bettelarm. Auch die Klöster leben heute im Sozialstaat. Dazu haben Nonnen und Mönche eine Gemeinschaft im Rücken, die ihnen wie eine Familie notfalls hilft und beisteht. Dennoch haben die Klöster und die Klosterleute, die in bescheidenem Wohlstand leben, eine wichtige und bleibende Aufgabe. Sie erinnern uns daran, dass Betteln auch eine spirituelle Dimension aufweist. Spirituell gesehen, bedeutet Betteln: Ich tue meine Arbeit und Pflicht gewissenhaft und kompetent. Aber ich verrichte die Arbeit nicht, um mir den Lebensunterhalt zu sichern und damit um meinetwegen, sondern um den Mitmenschen zu helfen und darum ihretwegen. Umgekehrt vertraue ich darauf, dass Gott mir das Lebensnotwendige für mich und unsere Gemeinschaft durch gute Menschen schenkt. Derart zeigen die Klosterleute durch ihr Wirken und Leben, dass wir auf Gottes Güte hoffen und von ihr leben dürfen und dass wir in dieser Hoffnung mitmenschlich aufeinander angewiesen sind. Jedenfalls weiss keiner mit Sicherheit, ob nicht auch er einmal bettelarm sein wird. Jesus mahnt: «Arme habt ihr allezeit bei euch» (Mt 26,11). Vielleicht bist Du es; vielleicht trifft es mich selbst. Darum mündet die vieldeutige Frage nach dem Betteln in der eindeutigen, einfachen und alltäglichen Mahnung: Vertraue dich Gott an und begegne jedem Menschen im Bewusstsein, du könntest schon morgen auf seine Hilfe angewiesen sein. Vergessen wir zu guter Letzt auch unsere Schwestern von Baldegg nicht. Sie leben als Schwestern von der göttlichen Vorsehung nach der Regel des armen Franziskus. Einleitend steht in der Regel: «Gott führte unsere Kongregation in den Leiden des Anfangs und in den Jahren der Entfaltung. Auch heute wissen wir uns in seiner Vaterliebe geborgen und vertrauen auf seine weise Vorsehung.» In diesem Wissen und Vertrauen dürfen auch wir mit den Schwestern getrost «I Mueters Stübeli» singen. Das Liedlein endet dort, wo auch alles Betteln endet: «Du seisch vergälts Gott und i säg‘ Dank.»

RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=