10 Wer ganz unten ist spürt den Grund Ich fahre aus meinen Sommerferien nach Hause und setze mich, meinen Anschluss auf die S-Bahn abwartend, müde von einer langen Zugreise wegen vieler verpasster Anschlüsse, ungeduldig und innerlich angespannt auf eine Bank. Ein junger Mann, auf seinem Skateboard angebraust, stoppt vor mir, grüsst freundlich, beugt sich, hockt sich vor mich hin und fragt unvermittelt: «Könnten Sie mir bitte Geld für mich und meine Freundin geben, damit wir die Notschlafstelle aufsuchen können?» Meine Ohnmacht in solchen Momenten wahrnehmend, alle schon gemachten Erfahrungen mit Bettelnden durchgehend, komme ich ins Gespräch und höre mir seine Geschichte an. Immer wieder steigen in mir Gedanken auf, dass er mich anlügt, dass er doch sein Leben neu anpacken und arbeiten könnte, dass ihm diese oder jene Sozialstelle helfen könnte, dass ... Ich sehe meinen Zug einfahren, klaube das noch vorhandene Kleingeld hervor und drücke meinen Wunsch aus, dass das hoffentlich reiche, für das, was er heute noch brauche. Er reicht mir seine schmutzige Hand, bedankt sich und fügt an: «Danke. Danke auch, dass Sie mir zugehört und mich nicht unterbrochen haben, gute Nacht!» Sein Händedruck ist bestimmt, sein Blick offen und freundlich. Mit meinem Gepäck steige ich nachsinnend und -spürend in den Zug ein. Der junge Mann kommt mir – auch noch ein halbes Jahr später – immer mal wieder vor mein inneres Auge. Die Lebensgeschichte von Franziskus und seinen Mitbrüdern erzählt viele Geschichten von Bettlern. Als junger Mann begegnet er, dem reichen Elternhaus entwachsend, der materiellen Armut. Einmal wahrgenommen, öffnet er sein Herz mehr und mehr für die Armen und Randständigen in den unterschiedlichen Erscheinungsweisen. Er erahnt darin Wegweisung für seinen Lebensweg. Einmal legt er zur Verwunderung seiner Mutter viele Brote auf den Tisch. Ihre Nachfrage beantwortet er: um bereit zu sein, wenn ein Bettler an die Türe klopfe. In Rom wechselt er für einen Tag seine kostbaren Kleider mit einem Bettler. Er schlüpft gleichsam in dessen Haut, um am eigenen Körper zu erfahren, wie es sich anfühlt, unten, ganz unten zu sein, zusammen mit anderen Bettlern, die ihn als Eindringling auszuschliessen versuchen. Noch im Tuchladen seines Vaters, bittet ihn ein Bettler «per amorem Dei» (wörtlich: aus Liebe zu Gott) um ein Almosen. Erst überhört es Franziskus. Als der Bettler weg ist, geht ihm auf, was er eben unbeachtet hat weggehen lassen. Er wurde um ein Almosen gebeten «wegen der Liebe, mit der Gott liebt». Er eilt davon, sucht den Bettler. Er will, wenigstens der Absicht nach, lieben wie Gott liebt. Er will in der Liebe Gottes ein liebender Bruder sein. Die Armut und die Not der Welt werden zu Türen für seinen persönlichen Weg: Ein grossherziges, barmherziges, gütiges Herz haben für alle Geschöpfe, damit das Antlitz Gottes allen leuchte. Konkret bedeutet das für ihn, nicht nur andere mit seinem Geld arbeiten zu lassen, sondern selber zu arbeiten. Er legt Hand an und baut Stein für Stein die Kirche von San Damiano wieder auf, zusammen mit anderen Mittellosen. In der Regel für seine Brüder schreibt er: «Und die Brüder, die arbeiten können, sollen arbeiten und das Handwerk ausüben, das sie verstehen ... Und für die Arbeit können sie alles Notwendige annehmen ausser Geld. Und wenn es notwendig wird, mögen sie um Almosen bitKloster Baldegg Sr. Beatrice Kohler, Baldegg
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