baldeggerjournal

11 ten gehen ...» (NbR 7, 3+7)1 Was kann das heute heissen? Not hat viele Gesichter: Arbeitslosigkeit, Konflikte, Beziehungsarmut, Süchte, Gewalt, Hunger, Krieg, Trennung, Krankheit ... Nicht jede Not ist mit Willen und Kraft überwindbar. Es braucht Demut, um trotz Wissen um Abhängigkeiten und Vernetzungen jemandem die eigene Not zu offenbaren, darauf zu vertrauen, dass darin liebevoll und zuwendend begegnet wird, dass nicht beurteilt oder gar verurteilt wird – dass «per amorem Dei» – die Hilfe zuteil wird, die gerade in diesem Augenblick zur Linderung der Not gebraucht wird, um aufstehen und weitergehen zu können. Andererseits braucht es Wachsamkeit, um die tatsächliche Not, die sich oft in eine scheinbar äusserliche Not kleidet, zu erkennen und herzhaft darauf antworten zu können. Auch Unterscheidung und Weitsicht, um angepasst und hilfreich zu antworten. Zwei unterschiedliche Perspektiven. Gemeinsam ist ihnen die Ausrichtung, die Absicht wegen der Liebe, mit der Gott die Welt liebt, zu tun oder zu lassen. «Franziskus lebte ... radikal das Evangelium: in Fortsetzung der Inkarnation, der Fleischwerdung Gottes in Raum und Zeit.»2 So gesehen ist egal, ob ich Bettler bin oder König, reich oder arm, wissend oder unwissend ... wer so klein sein kann der gernegross hat abgedankt du strebst jetzt nicht mehr hoch hinaus und es genügt dir nun dass du ein kleinod gottes bist du fühlst dich anderen nicht überlegen erhebst dich nicht mehr über sie vom boden her berührst du ihre wurzeln denn wer ganz unten ist der spürt den grund so wird dein kleinsein nun zur grösse denn kinderhände sind es doch die selbst im winzigsten den unfassbaren noch berühren und weil du dir für nichts zu schade bist kann selbst das unscheinbare für dich leuchten und wirst du aller lebewesen kleiner bruder Andreas Knapp3 Alle sind wir letztlich besitzlos. Nackt werden wir geboren und im Tod müssen wir alles zurücklassen, was uns für unser irdisches Dasein zur Verfügung stand. Unser Sein verdanken wir Gott, nicht uns selber. So gesehen sind wir alle Bettelnde. Wir bekommen uns geschenkt, mit unseren Sonnen- und Schattenseiten, wir werden und wachsen in und mit allen Einflüssen unserer Lebensgeschichten. Daraus erwächst immer wieder neu die Aufgabe: sich selbst wahrnehmen und annehmen. Entblösst von allem Schmuck und Reichtum, nackt die eigene Wirklichkeit erkennen und an die Verheissung glauben: Ich bin erlöst. Immer und in jeder Situation und mit meiner ganzen Schuldhaftigkeit. Diesen Glauben und diese Zuversicht in leeren und ausgestreckten, auch schmutzigen Händen entdecken und diese Nacktheit bedecken – ist das vorrangige Aufgabe franziskanischer Menschen für heute? In der Begegnung mit bettelnden und bittenden Menschen geht es um mehr als um die hingestreckte und die schenkende Hand. Es geht um die Hinwendung und Begegnung, um die geschenkte Liebe – per amorem Dei. Das ist überall und immer möglich, wenn ich mit dem Grund meines Seins verbunden bin. So werden wir zu Brüdern und Schwestern Jesu. 1 Die Nicht-bullierte Regel ist das Ergebnis einer über 10 Jahre dauernden Redaktionsgeschichte, die auf dem Pfingstkapitel 1221 zum Abschluss kam. Sie ist ein Zeugnis für den frühlingshaften Aufbruch der Brüdergemeinschaft, ganz nach dem Evangelium zu leben. 2 Richard Rohr, Hoffnung und Achtsamkeit, Herder 2010 3 Andreas Knapp Brennender als Feuer l Geistliche Gedichte l Echter, Auflage 6, 2010

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