baldeggerjournal

12 Kloster Baldegg Bettelpsalm Gott Du kennst mich. Deinen Augen entgleite ich nicht. Du erschaust mein Innerstes. Ich will dich mit meinem täglichen Betteln nicht zu irgendetwas überreden. Ich möchte einfach, dass du mich hörst und mir zum Weitergehen Kraft schenkst. Gott Ich bettle um ein Wort, das mir Herz und Seele aufrichtet, um Vertrauen, damit ich der Erfahrung der Ohnmacht widerstehen kann, um ein Zeichen deiner Nähe. Meine Seele hört nicht auf nach dir zu suchen. Gott Ich bettle um ein grosses Herz, damit ich begegnen kann ohne Vorbehalte und Vorurteile, um Ohren, die mehr auf deine Weisheit als auf Menschenweisheit hören, um das Geschenk, dass du mich findest. Du weisst, wo ich bin, wenn ich nicht bei dir bin. Gott Ich bettle um Halt im Labyrinth meiner Tage. Bist du mein ganzes Glück? Bitte hole mich zurück, wenn mein Herz wandert oder leidet, gib mir Entschiedenheit in meinem Wollen und in meinem Nichtwollen. Gott Ich bettle darum, dass ich das Nicht-zuVerändernde gelassen hinnehmen kann, um das Mass, dass ich das Gleichgewicht finde im Geben und Nehmen, um Hoffnung, dass meine scheue Sehnsucht dich findet am Ende aller Tage. Gott Ich bettle nicht um vergänglichen Reichtum, nicht darum, dass wir weiterhin in sattem Wohlstand leben können, sondern darum, dass wir Menschen wieder einfacher werden, bescheidener, demütiger. Gott Ich bitte, dass du entfernst, was in mir an Gleichgültigkeit lebt, dass du wegnimmst unsere Gewöhnung an das Leid in der Welt. Schenke der Welt Frieden. Krieg soll nie mehr sein. Gott Ich bitte dich um Leben, um schöpferischen, heiligen Atem. Gib uns zurück den Schwung für das Gute und Schöne, den Sinn für das Ganze. Lass uns die verlorene Ehrfurcht vor allem Geschaffenen wieder finden. Gott Bald schenkst du uns deinen Sohn. Den Friedensfürst. Er kommt für alle Menschen guten Willens. Er kommt. Ich geh‘ ihm entgegen. Dort am Rand der Krippe bettle ich um dein Wort: «Fürchte dich nicht». Sr. M.I.

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