13 Betteln um ewiges Daheim Einer meiner Lieblingsorte ist der umgestaltete alte Schwesternfriedhof mit der eindrücklichen Bronzeskulptur. An diesem stillen Ort verweile ich gern. Hier begegnet mir das Geheimnis des Lebens und des Sterbens, des Empfangens und des Gebens. «Der Sterbende» wird die Gestalt genannt, die da sitzt, kraftlos, erschöpft, allein. Er ist angekommen auf der letzten Stufe der Lebenstreppe und wartet auf den grossen Übergang. Der Kopf ist tief geneigt, der Blick nach innen gewandt, in sich gekehrt. Die Hände, die ein Leben lang zugepackt haben, sind leer. Eine Hand hängt schlaff hinunter. Sie hält nichts mehr fest. Die andere ist die eines Bettlers, offen hingehalten. Liegt darin nicht ein Vertrauen, das sich öffnet um zu empfangen? Still und unaufdringlich ist die Bitte. Wer bettelt, dem mangelt Notwendiges. Er ist ganz und gar abhängig von der Hilfe und Barmherzigkeit guter Menschen. Sind wir nicht alle einmal in dieser Situation, hilfsbedürftig, angewiesen auf Menschen, die uns Beachtung, Zuwendung und Verständnis schenken, die uns stärken und aufrichten, die uns in unserer Not wahrnehmen, die wie ein Almosen ein gutes Wort für uns haben? Und das nicht erst am Ende unseres Lebens. Wir selber sind Bettelnde und können vieles im Leben nur als Geschenk annehmen. Wenn ich mich auf die Steinbank neben dem «Sterbenden» setze, schaue ich und warte, still und nachdenklich. Ich mache die gleiche Erfahrung wie im Advent oder am Bett einer sterbenden Schwester. Es ist die Zeit des Wartens auf die Ankunft des Erlösers. Wir hoffen zu empfangen, was uns verheissen ist. An Weihnachten feiern wir die Menschwerdung unseres Gottes in Jesus. Er begegnet uns als Kind, bedürftig, ohnmächtig, arm und bettelt um Aufnahme in unserer Welt. Weihnachten zeigt uns: Gott ist einer von uns geworden. Vor ihm sind wir Bettelnde, auf seine Gnade angewiesen. Alles, was er uns schenkt, haben wir uns nicht verdient. «Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade» (Joh 1,16). Unser Leben – ausgespannt zwischen Geburt und Tod – ist geprägt von Erfahrungen des Empfangens und des Gebens. Auch der «Sterbende» auf dem Friedhof hat uns etwas zu geben. Seine Gabe ist die Kunst des Loslassens und des Abschiednehmens, des befriedeten Übergebens seines Lebens, des dankbaren Vertrauens in den Schöpfer: «Er hat alles gut gemacht» (Mk 7,37). Die Künstlerin hat ein Werk geschaffen, das unser Herz berührt, das aufruft zum Innehalten, das einlädt zum Nachdenken. Oft sehe ich, wie Kinder sich dem «Sterbenden» mit Respekt und einer gewissen Scheu nähern, während sie auf dem Weg der Lebenstreppe um das spielende Kind herum turnen und die Urgrossmutter umarmen. Manchmal legen Leute eine Münze in die ausgestreckte Hand. Er ist mir vertraut geworden, der «Sterbende», und er würde mir fehlen, wäre er nicht bei uns auf dem Friedhof, wo viele unserer Mitschwestern begraben sind. Ich spüre: «Hier ist heiliger Boden» (Ex 3,5). Da geschieht Grosses. An diesem Ort darf ich die Nähe Gottes erfahren. Kloster Baldegg Sr. Silja Richle, Baldegg
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