14 - - - - Original Message - - - - Von: «Vreni Bakri» <abakri335@gmail.com> Gesendet: Friday, 25. october 2013, 08:46 An: Sr. Martine Rosenberg» <sr.martine@klosterbaldegg.ch> Betreff: Re: Betteln in Addis Abeba mail@klosterbaldegg.ch - - - - Original Message - - - - Von: «Sr. Martine Rosenberg» <sr.martine@klosterbaldegg.ch> An: «Vreni Bakri» <abakri335@gmail.com> Datum: Montag, 21. Oktober 2013, 17.25 Betreff: Betteln in Addis Abeba Vreni Bakri (abakri335@gmail.com) war Handelsschülerin in Baldegg. Ihr äthiopischer Gatte arbeitete bei der UNO. So zog die Familie von Äthiopien nach Uganda, Kenya, Sambia, Nigeria und wieder zurück nach Addis Abeba. Sie ist Mutter von drei erwachsenen Töchtern und kommt jedes Jahr einige Zeit in die Schweiz. Sr. Martine Rosenberg (sr.martine@klosterbaldegg.ch) betreut seit dem Ende ihrer Amtszeit als Frau Mutter im Oktober 1999 das Missionssekretariat in Baldegg. mail@klosterbaldegg.ch Liebe Schwester Martine Wenn ich mich an mein erstes Jahr in Äthiopien erinnere, kommt mir immer in den Sinn, wie ich sonntags nach der Messe total aufgewühlt meinem Dilemma mit der Armut Worte verlieh. Die leprösen Bettler mit den Stummeln ihrer Gliedmassen brachten mein soziales Denken total ins Wanken … Ich heulte regelmässig und flehte meinen äthiopischen Mann an, doch etwas zu tun. Er reagierte … aber nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nicht mit Almosen, sondern mit einer zünftigen Lektion. Bakri verlangte von mir, dass ich mit ihm eines Morgens kurz nach 6.00 Uhr an den Stadtrand von Addis Abeba fuhr. Wir parkierten das Auto an einer Strassenkreuzung und warteten. Es dauerte nicht lange, bis wir im Morgendunst von weitem Gruppen von Menschen in Richtung Stadtzentrum strömen sahen. Erst auf den zweiten Blick erkannten wir, dass die meisten etwas über den Schultern trugen, das sich als Krücken, Stöcke, ja sogar ganze Beinprothesen entpuppte. Bald auch erkannte ich sogar einzelne Gesichter, die heute in angeregter Unterhaltung mit den «Leidensgenossen» so gar nicht den deprimierten Mienen der Sonntagsbelagerung bei der Holy Savior’s Church glichen. Es erstaunt nicht, dass schon ganz kleine Knirpse ihr Sprüchlein wie «stomach zero» genial durchgeben. Die älteren Bettler rufen noch heute in ihrer Not «Maryam», «Gabriel» oder «Yessos» selbst an. Ganz selbstverständlich wird eine nimmerendenwollende Nachkommenschaft des Bettelhandwerks herangezogen. Es gibt aber wirklich viele arme Menschen. Darum habe ich mich entschlossen, auf Almosen zu verzichten und dafür überschaubare Organisationen zu unterstützen, die gezielt und gerecht zu helfen vermögen. Ich hoffe, du bist nicht allzu schockiert über meine radikale Ansicht. Sie hat sich über die letzten 42 Jahre in den unglaublichsten Begebenheiten in Äthiopien, Uganda, Kenya, Sambia und Nigeria heraus kristallisiert. Herzlichste Grüsse aus Addis Vreni Liebe Vreni Wie schön, dass unsere ganze Klasse dir wieder in der Schweiz begegnen konnte. Nun bist du zurück in Äthiopien, deiner zweiten Heimat. Schon oft fragte ich mich, wie du mit der grossen Armut in diesem Land leben kannst.Wie schaffst du es, tagtäglich bettelnden Menschen zu begegnen? Ich war ja ein paar Mal in Äthiopien, um unsere Schwestern zu besuchen. Die ausgestreckten Hände von Müttern und die bittenden Augen der Kinder sind mir unvergesslich. Und wie schämte ich mich, umringt von dieser grossen Schar «geschützt» in einem Auto zu sitzen … Alles Gute, und bis bald! Sr. M. Martine
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