baldeggerjournal

2 Bildungshaus Stella Matutina Das verflixte ‹und› P. Werner Hegglin, Dr. phil., Hertenstein Liebe Leserinnen und Leser, in einem uralten Wörterbuch finde ich unter dem Stichwort «Jammern»: heftiger Schmerz und die Äusserung desselben. Da ist das verflixte ‹und›. Ein Mann geht zum Arzt. Er leidet an heftigen Schmerzen. Er jammert. Der Arzt untersucht; untersucht mehrmals, findet nichts. Kein körperlicher Befund – und Schmerzen. Also: Guter Rat ist teuer. Tatsachen und Tatsachen, erstes ‹und› Der Hans kommt zum Heiri gerannt und ruft: Stelle dir vor, der Kirschbaum in Meiers Garten blüht! Heiri, trocken: Du spinnst. Um diese Zeit hat noch nie ein Kirschbaum geblüht. Hans, eingeschüchtert: Etwas freundlicher könntest du auch sein. Geh du in Meiers Garten, überzeuge dich selbst, der Kirschbaum blüht. Heiri geht, kommt zurück: Tatsächlich, du hast recht, er blüht. Wer hätte das gedacht! So funktioniert unsere Wissenschaft. Hans und Heiri stimmen überein. Zur Sicherheit schicken sie gleichen Tags ein paar andere in Meiers Garten. Alle sagen: Tatsächlich, der Kirschbaum blüht. Ein paar ganz Genaue gehen spät nachts nochmals zum Garten: Der Baum blüht. Und sage und schreibe findet sich noch einer, der sagt: Auch am Vortag hat er geblüht. Ganz schlaue Leute sagen dem: Etwas ist eine Tatsache, wenn sie intersubjektiv und intermomentan zutrifft und ausgesagt werden kann. Tönt das nicht schön? Wir leben heute in einer Art total technisierten Zivilisation. Und das wissen wir längst: Ohne Wissenschaft gibt es keine Technik und ohne objektive Tatsachen keine Wissenschaft. Wissenschaft fahndet alleweil nach objektiven Tatsachen. Wissenschaft und Technik sind unsere grosse Stärke und unser überwältigender Fortschritt. Leider gelten deswegen nur ‹objektive Tatsachen›, alles andere ist Mumpitz. Das ist ein Jammer. Tatsachen und Tatsachen, zweites ‹und› Der Hans kommt niedergeschlagen zum Heiri, jammert und sagt ihm: Du, ich bin sehr traurig. Heiri sagt verlegen: Was ist denn? Hans aber zuckt nur die Schultern, beginnt zu weinen und will nicht reden. Heiri, noch verlegener: Du bist traurig –. Heiri ist aber ganz und gar kein Dummkopf und merkt sofort: Wenn ich zu ihm

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