baldeggerjournal

3 sage, er sei traurig, ist es absolut nicht dasselbe, wie wenn er «Ich bin traurig» sagt. Bei ihm ist das Wort erfüllt und vollständig; bei mir ist es nur ein Schatten vom Inhalt. Dann sagt Heiri aber trotzdem noch: Hans, ich kann es dir nachfühlen, mir ist es auch schon so ergangen. Weil er aber immer noch kein Dummkopf ist, merkt er: Das hätte ich besser nicht gesagt, ich habe ja vorher schon gewusst, wie schwach meine Einsicht ist. Nun, es gibt eben Tatsachen, die einer nur in seinem eigenen Namen vollgültig aussprechen kann; da reichen andere nie heran. Gewitzte Leute haben auch dafür ein Fremdwort erfunden. Diese Tatsachen heissen seither ‹subjektive Tatsachen›, weil sie nur von einem Einzigen und nur von ihm ausgesagt werden können. Objektive Tatsachen können von jedem ausgesagt werden, der genug weiss und gut genug reden kann. Aber nun kommt der Jammer. Subjektive Tatsachen gelten in unserer technischen Zivilisation nicht viel bis gar nichts. Ich frage Sie: Sind Sie noch nie in die Situation geraten, wo Ihnen gesagt wurde: Du, das ist ja nur subjektiv. Haben Sie den Tonfall noch im Ohr, wie abschätzig dieses ‹nur subjektiv› daher kommt? Dabei sind subjektive Tatsachen meist viel lebendiger und stärker; objektive kann man zusammenscharren wie dürre Blätter. Aber eben, sie sind viel berühmter. Und das ist ein Jammer. Körper und Leib, drittes ‹und› Zwei Frauen, Heidi und Susi, sitzen beieinander. Heidi jammert und sagt: Ich habe wieder so Schmerzen in meiner Hand. Du weisst es ja, ich habe diese Hand gar nicht mehr; ich bin damals in die Häcksel-Maschine geraten. Seither habe ich eine Prothese. Und jetzt habe ich derart Schmerzen an dieser Hand, die ich gar nicht mehr habe und in der ich ja gar keine Schmerzen haben dürfte. Es ist ein Jammer. Das Ministerium für Bildung hat für alle Schulen verordnet, dass verstärkt alte Volkslieder gesungen werden müssen. Singen kann schön sein, aber wir sollen nun all das besingen, was uns täglich genommen wird. Wir müssen singen «Am Brunnen vor dem Tore», und gleichzeitig wird der schöne WunderhornBrunnen zugeschüttet, der Lindenbaum abgehackt, weil dort ein Parkhaus hingebaut werden soll. Die alten Brunnensteine werden für die Auto-Einfahrt mitverwendet. Und natürlich wird eine Tafel angebracht, auf der wir lesen können, dass hier einstmals ein alter Brunnen und eine Linde stand. Das verkauft ihr uns dann als «Pflege der historischen Erinnerung»! und jetzt sollen wir singen «Wohlan die Luft geht frisch und rein», und gleichzeitig wird die Luft immer schlechter, weil ihr immer mehr Strassen baut. NEIN: Wir singen da nicht mit. Wir können gar nicht singen. Wir sind ja immer erkältet und tragen einen Schal um den Hals und können bloss krächzen. Lasst euch nicht missbrauchen! Wehrt euch! Widersteht! Dirk Mende: Wer weiss, ob’s wahr ist?!? Verlag Mayer, Stuttgart-Berlin 2001 Was heisst jammern? Es ist ein heftiger Schmerz und die Äusserung desselben, so steht es im Wörterbuch. Den Schmerz können wir nicht ändern, aber dessen Äusserung. Und darum, liebe Leserinnen und Leser: Phantasie! Susi fragt: Was meint dein Hausarzt dazu? Heidi: Er hat mir erklärt, dass es im Gebiet meines Körpers einen Leib gebe und der könne mehr wahrnehmen als mein Körper mit seinen Wahrnehmungsorganen: sehen, hören etc. Der Leib sei es, der z. B. Hunger und Durst merke, was man eben weder sehen noch hören könne. Das sei leiblich spürbar. Ebenso das Ein- und Ausatmen, der Schreck, Frische und Mattigkeit, Wollust und eben der Schmerz. Der Schmerz sei eine leibliche Regung, die am eigenen Leibe gespürt werde. Susi fragt: Ja, und? Dann hättest du ja eine Leib-Hand? Die man offenbar nicht verlieren kann? Was machen dann all jene, die täglich hunderte von Organen amputieren und transplantieren? Bleiben dann die Leib-Organe? Und wie verträgt sich das alles miteinander? Ist das nicht ein Jammer? Heidi, nachdenklich: Er hat auch noch gesagt, der Leib sei unser wichtigstes Wahrnehmungsorgan und der Resonanzboden für alles, was uns zustösst und affektiv betrifft. Ich habe das alles noch nie gehört. Aber – wie ich dann heimgegangen bin, habe ich mir schon sagen müssen: Zu diesem Leibe solltest du wahrscheinlich schon mehr Sorge tragen. Susi: Dass der Körper krank sein kann, wissen wir alle; kann auch der Leib krank sein? Heidi: Das weiss ich nicht. Aber ich stelle mir vor, dass der Leib es ist, der merkt, wenn etwas bei mir nicht in Ordnung ist. Susi: Aber bisher haben wir nicht einmal gewusst, dass es ihn gibt. So ein Jammer! Jammern und Jammern, viertes ‹und› Es gibt in Stuttgart einen Schriftsteller, der heisst Dirk Mende; den lese ich sehr gerne. In einem Buch von 2001 gibt er Beispiele eines ganz andern Jammerns; eines davon möchte ich zitieren, es steht auf Seite 39. Es wäre doch toll, wir könnten den Dreh finden für diese Art des Jammerns.

RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=