baldeggerjournal

4 Baldegger Mission Viel Grund zum Jammern und Staunen Sr. Marie-Ruth Ziegler, Baldegg Anlass zum Jammern hätten die Menschen schon, die sich im kleinen Spital von Rhotia in Tanzania um Schwester Verona und Schwester Blasia drängen. Immer wieder belasten Missernten und Dürre, Malaria und andere Krankheiten ihr Leben. Trunkenheit und Drogen, Diebereien und Gewalt gehören hier zum Alltag. Ebenso die Misere im Schulwesen und das Träumen vom grossen Geld, das all die Not zum Verschwinden bringen soll. Wie leben sie damit, die schwangeren Mütter, die ausgemergelten alten Männer, die zukunftslosen Jugendlichen und Kinder? Jammern auch sie wie wir, die in klimatisierten Wohnzimmern fernsehen, einen Hochschulabschluss in der Tasche und ein Lohnkonto auf der Bank haben, für jede Lebenslage eine Versicherung haben und rund um die Uhr medizinisch versorgt werden? Die Rheintalerin Schwester Verona Hutter und Schwester Blasia Zihlmann aus dem Luzernerland geben zu: Wenn es ums Jammern geht, sind sie beide, auch nach vierzig und mehr Jahren Einsatz in Tanzania ‚richtige‘ Schweizerinnen geblieben. Lachend ergänzen sie: Wir jammern, auch wenn wir nichts zu jammern haben. Gestern beispielsweise, sei der Gottesdienst mehr als zweieinhalb Stunden gegangen, die Predigt über dreissig Minuten. Für die beiden Schweizerinnen Anlass zu jammern. Der Priester hingegen, der gleichentags noch in zwei Pfarreien Gottesdienste dieser Art zu feiern habe, der jammere ganz bestimmt nicht. Wenn kein Wasser aus der Leitung komme und sie sich die Hände im Spital nicht waschen könne, dann jammere sie regelmässig, sagt Schwester Verona. Die meisten Leute in ihrer Umgebung müssten jedoch das Wasser von weit her heimtragen. Noch nie hätte sie jemand von den Frauen oder Kindern darob jammern gehört. Touristen, die etwa auf ihrer Missionsstation einen Halt machen, seien jeweils höchst erstaunt, wie die Einheimischen ihr Schicksal klaglos meisterten. Wenn die Ernte schlecht ist oder ganz ausfällt, dann sagen die Leute gelassen: Mungu yupo. Gott ist da. Oder: Shauri ya Mungu. Gott weiss es. Schwester Blasia erinnert sich an den nächtlichen Überfall in ihrem Haus, bei dem sie verletzt wurde. Der einheimische Priester berichtete am nächsten Morgen, es war ein Sonntag, in der Kirche von dieser schrecklichen Tat. Die zum Gottesdienst versammelten Menschen hätten nicht begreifen können, dass man sie, eine alte Schwester, verletzt und bestohlen habe. Die Frauen hätten darob geweint und ihr anschliessend zum Trost Eier, Früchte, Hühner und ein Schaf gebracht. Jammern, so bestätigen die einheimischen Angestellten des Spitals, gehöre bei ihnen einfach nicht dazu. Das wissen die beiden Schwestern mit beeindruckenden Beispielen aufzuzeigen. Eine Schülerin sei in der Sekundarschule schwanger geworden und hätte ein wirklich schwer geistig und körperlich behindertes Kind zur Welt gebracht. Ganz selbstverständlich habe die Grossmutter das Kind übernommen, damit sie weiter zur Schule gehen konnte. Das Kind sei aber dauernd krank gewesen, immer nahe dem Tod. So hätte die Ärztin eines Tages zur Grossmutter gesagt: Bring das Kind nicht mehr ins Spital, lass es doch sterben. Sonst musst du deine Arbeit hier aufgeben. Und wieder war es für die Grossmutter selbstverständlich, ihre Arbeit klaglos aufzugeben und das arme Geschöpf zu pflegen. Nach einiger Zeit hat sie es in unser Spital gebracht und gesagt: «Ich habe kein Geld, um die Spitalrechnungen zu bezahlen.» Das inzwischen siebenjährige Kind, das nur knapp sieben Kilogramm wiege, liege seither immer wieder wochenlang bei Schwester Verona im Spital. Fünf Jahre gehe das nun schon so. «Soll ich nun etwa jammern, weil sie die Spitalrechnungen nicht bezahlt?» fragt sich Schwester Verona oder muss ich nicht eher nur staunen ob so grosser Liebe der Grossmutter? Schwester Blasia und Schwester Verona wissen: sie haben in ihrem tanzanischen Alltag, fern der grossen Zivilisation, viel, viel Grund zum Staunen.

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