baldeggerjournal

5 Kloster Baldegg Jammern – oder die Alternativen Judith Köppel, Zürich In meiner psychotherapeutischen Praxis kommt es nicht selten vor, dass jemand jammert. Dann gilt es zu unterscheiden zwischen echtem Leiden und dem Jammern. Häufig erkenne ich den Unterschied am weinerlichen Ton. Jammernde Menschen lösen beim Gegenüber unterschiedliche Gefühle aus wie Mitleid, das Bedürfnis zu trösten, Abwehr oder Ungeduld. Jammern als Wunsch nach Zuwendung Menschen, die jammern, erleben sich als hilflos und suchen bei anderen Menschen Aufmerksamkeit. Das ist legitim – aber nicht hilfreich. Menschen, die jammern, gehen uns schnell mal auf die Nerven. Vielleicht meiden wir sie und entziehen ihnen die Zuwendung, die sie auf eine unglückliche Art und Weise erhalten möchten. Diese Menschen müssen lernen, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen, wahre Freundschaft und Intimität zu leben, ohne den Umweg über Hilflosigkeit und Krankheit zu wählen. Jammern als Fokussierung auf den (vermeintlichen) Mangel Ein weiterer Aspekt des Jammerns ist die Defizitorientierung. Wir jammern selten über einen Lotteriegewinn, ein gutes Essen oder einen freundlichen Brief, jedoch über das Wetter, die Arbeitsbelastung, die Krankenkassenprämien usw. Jammern ist dann ein Ausdruck von Unzufriedenheit. Das Heilmittel dagegen wäre die Dankbarkeit, die neben dem Beklagenswerten auch noch das andere sieht: Unser wunderschönes Land, der hohe Sicherheitsstandard, weltweit eines der besten Gesundheitssysteme, Gleichberechtigung, Demokratie und vieles mehr. Unsere Zufriedenheit hängt nicht vom Wohlstand ab, sonst müssten wir SchweizerInnen die glücklichsten Menschen sein. Das sind wir nicht. Woran liegt das? Eine Ursache besteht u.a. darin, dass wir das Gute nicht mehr sehen und auch nicht verdanken. Wer dankbar ist, sieht die Fülle und fixiert sich nicht auf das, was fehlt. Der Dankbarkeit geht die Wahrnehmung des Edlen, Guten, Schönen voraus. Indem ich dies verdanke, erlebe ich Fülle, Freude und Zufriedenheit. Manchmal höre ich, dass Gesundheit das höchste Gut sei. Als Christin sage ich: Die Gemeinschaft mit Gott ist das höchste Gut – und die ist für jedermann umsonst. Als Psychotherapeutin würde ich es so formulieren: Das höchste Gut ist die Zufriedenheit. Es gibt Menschen, die sind körperlich gesund, weisen keine psychische Störung im engeren Sinne auf und sind doch unzufrieden. Es gibt andere, denen es an allerlei fehlt und die dennoch Zufriedenheit ausstrahlen. Raus aus der Opferfalle Andere jammernde Menschen erleben sich als Opfer, hilflos ausgeliefert, ohnmächtig. Manche verhalten sich auch als Erwachsene noch wie abhängige Kinder, ständig auf der Suche nach jemanden, der ihnen die Verantwortung für ihr Leben abnimmt. Was naturgemäss zu Kindern gehört, bekommt dem Erwachsenen nicht gut und ist ein Zeichen von Unreife oder einer tiefergreifenden psychischen Störung. Wenn man einem Kind zu viel abnimmt, kann daraus ein lebensuntüchtiger, depressiver, abhängiger, ängstlichvermeidender, jammernder Erwachsener werden. Jeder Mensch ist eingeladen, das Potential, das Gott in ihn gelegt hat, zu entfalten und ein reifer Mensch zu werden. Dazu gehört auch das Leiden und die Fähigkeit, Leiden anzunehmen. Es geht nicht darum, das Schwere und Traurige zu negieren. Es geht um ein «sowohl als auch», um ein gesundes Mass von beidem und um die Frage: Wie gehe ich konstruktiv damit um?

RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=