4 Liebe Leserin, lieber Leser Bildungshaus Stella Matutina P. Werner Hegglin, Dr. phil., Hertenstein Sie lieben Gedichte? Dann können Sie hier ungeniert weiter lesen. Sind Sie Gedichten eher abgeneigt? Weil schon der Lehrer kein Flair dafür hatte, Gedichte beiseite liess und es später sowieso zu spät war? Aber wer weiss, ob sich beim Weiterlesen diesmal eine leise Zuneigung einschleichen wird. Feinde des Gedichtes habe ich bis jetzt nicht kennen gelernt; offenbar ist es wie überall: ohne eigene Erfahrung kein Dafür und kein Dagegen; man kann nicht einmal schimpfen, lässt es am besten bleiben. Auch das Blatt bleibt weiss, hat aber immer noch die Chance, eine schöne Schrift geschenkt zu erhalten und – wer weiss – eine Überraschung. Wer selber Gedichte schreibt, weiss, was es bedeutet: suchen und finden. Gedichte sind kurz. Hat der Schriftsteller sein Thema gefunden, ein Lebensthema, aus ungezählten Erfahrungen geboren, sucht er es mit einem Minimum an Wörtern darzustellen. Wir, die Lesenden, suchen dann die Worte ab, um zu finden, was an Fülle des Lebens darin zum Ausdruck kommen will. Ich sah wie die Häuser die Farbe verloren Braucht es tatsächlich einen geübten Schriftsteller, um mir mitzuteilen, dass Häuser mit der Zeit ihre Farbe verlieren? Das versteht sich doch von selbst. Böse Zungen sagen dazu: Der Informationswert von Gedichtstrophen ist gleich Null. Meine früh verstorbene Schwester hat dies Gedicht auf ihren Grabstein schreiben lassen. Ihr hat es sehr viel bedeutet, auch diese erste Strophe. Diese Strophe ist ein glücklicher Fund, sagte sie; schon rein klanglich. So hell und hoch oben beginnt sie und endet tief unten im runden dunklen Loch des «verloren». Rhythmisch erlebt, blättert die Farbe spürbar nach unten, von der Wand herunter. Die Strophe ruft in mir alles auf, sagte meine Schwester, was vergänglich ist und was vergänglich war in meinem Leben; mit einem Minimum an Raum und einem Minimum an Worten finde ich alles. Und sah wie der Himmel die Farbe behielt «Und sah»: das geht von tief unten herauf, mit Schwung, und dann hinauf in den höchsten Himmel. Welch ein Aufschwung! Und schliesst an das Vergängliche von vorher an. Aber nie wird alles zerfallen, vieles im Leben ist und bleibt unvergänglich. Es ist ein glücklich gefundenes Bild; wenig Aufwand, vielfältiger Inhalt! Wer freut sich beim Lesen nicht am Wiederfinden, am Nacherleben all dessen, was bleibt, unzerstörbar, für immer. Und sah wie man stirbt und wie man geboren Für diese Strophe hatte meine Schwester eine besondere Schwäche. Sie sagte: Gerhard Meier hat einen einmaligen Fund gemacht. Mit nur fünf Wörtern gelingt es ihm, mir fühlbar zu machen, wie er, zutiefst überzeugt, in den Himmel hinauf stirbt. Auch hier fängt er mit dem «und» ganz unten an, steigt hinauf bis in die Helligkeit der i-Laute und dann von dort hinunter zum Geborenwerden. Der Dichter macht mit den neun Wörtern deutlich: Wir kommen von irgendwo her und gehen irgendwo hin. Niemand von uns weiss es genau. Aber einzig und ohne den geringsten Zweifel wissen wir: Ich wurde geboren und werde sterben. Gerhard Meier mit Peter Handke
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