baldeggerjournal

5 Ich sah Ich sah wie die Häuser die Farbe verloren Und sah wie der Himmel die Farbe behielt Und sah wie man stirbt und wie man geboren Wie sommers die Ströme ihr Wasser verloren Und wie man gläserne Marmeln verspielt Gerhard Meier Wie sommers die Ströme ihr Wasser verloren Wir wissen es: Spätwinterregen, Schneeschmelze in den Bergen und Frühsommerregen bringen Wasser. Ist das vorbei, kann es sommers trocken werden. Der Dichter hat sieben Wörter gefunden. Was will er damit? Gewiss nicht mitteilen, was wir alle wissen. Das «Ich sah» klingt hier bis zum Schlusse weiter nach. Meier steht oft an der Aare, erfährt ihr schwaches Strömen und spürt darin sein eigenes Älterwerden, und wie alles sich vermindert. Bis zu seinem fünfzigsten Jahr arbeitete Meier in einer Lampenfabrik, um seine Familie durchzubringen. Als Schriftsteller dann hatte er nur noch ein schmales Einkommen; ohne Hilfe seiner Frau am Bahnhofkiosk in Niederbipp wäre es niemals gegangen. Und seine lebenslang ersehnte Reise nach Palästina, ins Land des Meisters, wie er sagte, wäre ohne die Hilfe seines Freundes Peter Handke nie möglich geworden. Und wie man gläserne Marmeln verspielt Verlieren und verspielen gehören zusammen, darum das erneute «und». Meine Schwester erinnerte sich lebhaft an unser «Chügeli-Spiel». Die kleinen braunen Kugeln waren nicht so wichtig, umso mehr die andern, die grossen, gläsernen, mit dem verschlungenen Kaleidoskop drin. Meier sagt: Ich sah, wie man gläserne Marmeln verspielt; ich erlebte es als Kind und sah es bei meinen Kindern: es schmerzt. Und doch kommt es ihm, jetzt am Schluss, noch darauf an, dass wir bereit sind zu verspielen. Niemand spielt gern mit Leuten, die nicht verlieren können, dann die Karten hinschmettern und weglaufen. Wer nicht verlieren kann im Leben, lebt nicht. Verlieren gehört dazu. Liebe Leserinnen und Leser: Gesucht? Gefunden?

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