baldeggerjournal

6 Kloster Baldegg Nomen est omen Damals bei der Aufnahme ins Noviziat des Klosters Baldegg tauschte ich meinen Taufnamen «Louise» gegen den Ordensnamen «Tabita» ein. Der Namenswechsel war in den Klöstern üblich. Er unterstrich, dass mit dem Beginn der Ordensausbildung ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Also suchte ich nach einem Namen, der nicht bloss schön klang, sondern mir auf dem Ordensweg eine Hilfe sein könnte. Er fiel mir eines Tages zu, als ich in der Heiligen Schrift auf die Stelle stiess, wo der Apostel Petrus die tote Jüngerin Tabita an der Hand fasste und sie mit der Aufforderung «Tabita, steh auf!» wieder zum Leben erweckte (Apg 9.36). Intuitiv wusste ich: Dieser Name könnte für mich zu einem Lebensprogramm werden. Die Jahre zogen dahin. Immer wieder spürte ich in mir die Gewissheit, meinen Lebensweg und meine Identität als Baldegger Schwester gefunden zu haben. Im Alter von 52 Jahren nahm dann mein Leben infolge einer Hirnblutung eine völlig unerwartete und plötzliche Wende. Ein langer und holpriger Weg begann für mich mit der Fahrt in der Ambulanz ins Kantonsspital in Luzern. Ich versuchte, ihn beharrlich zu gehen und entdeckte dabei allmählich die vielen Chancen eines unabänderlichen Schicksals. Auf der Suche nach der verlorenen Identität Nach dem Spitalaustritt drängte es mich, so bald als möglich wieder in den Alltag einzusteigen. Aber schon bald machte ich die bittere Erfahrung: Alles war anders geworden! Mein Lebensgefühl hatte sich total verändert. So vieles, was mich früher interessierte oder gar fesselte, erreichte mich kaum mehr oder bloss auf der rationalen Ebene. Auf der emotionalen Ebene empfand ich Distanz und Kälte. Der Vergleich mit dem Gewesenen lauerte mir dauernd im Nacken. Mühsam suchte ich mich zu orientieren. Aber an was und an wem sollte ich mich orientieren? An der Vergangenheit – an der Zukunft? Ich wusste es selber nicht. Ich realisierte immer mehr, dass ich meine Identität verloren hatte. Ein anstrengendes Suchen nach meinem veränderten «Ich» begann. Verständnisvoll unterstützten mich dabei meine Vorgesetzten, Mitschwestern und meine nächsten Angehörigen. Eine Fachperson der Neurorehabilitation im Kantonsspital Luzern half mir, meinen Weg zielgerichtet weiterzugehen und mich mit den Folgen der Hirnblutung auszusöhnen. Tabita – steh auf Seit diesem tiefgreifenden Einschnitt in mein Leben sind Jahre vergangen. Trotz aller schwierigen Stunden habe ich immer wieder Ermutigung erfahren. Oft war mir, als ob eine unsichtbare Hand mich ergriff und eine Stimme mir zuflüsterte: «Tabita steh auf». Und ich konnte ihr in kleinen Schritten folgen, immer wieder, Tag für Tag. Nur so gelang es mir, Schritt um Schritt, meine Identität wieder zu finden. Mein neues Lebensgefühl zeigte sich nun in etwas gänzlich Neuem und dennoch sonderbar Vertrautem. «Tabita, steh auf» ist mir gerade durch die Hirnblutung zu meinem konkreten Lebensprogramm geworden. Die tröstliche Erfahrung des «Gehaltenseins-im-Aufstehen» gehört seither zu meinem Erfahrungsschatz. Ich möchte sie nicht mehr missen. Sr. Tabita Röthlin, Baldegg

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