baldeggerjournal

9 Welch ein Verlust! Ganz schlimm wird es, wenn ein solcher Verlust nicht mehr gespürt wird. «Denn die unheimlichsten Verluste sind die, die nicht mehr gefühlt werden.» Glücklich aber der erschöpfte Mensch, der zu seiner Ausweglosigkeit steht. Ihm kann geholfen werden. Er hat sich vielleicht mit all seinen Kräften eingesetzt für eine gute Sache, aber jetzt scheint alles umsonst. Vielleicht ist er mit seinem Lebensdrang so in Fahrt gekommen, dass er die Wegzeichen übersehen oder überhört hatte, und dann in die falsche Richtung lief. Er suchte überall, aber dabei hatte er sich selber verloren. «Halt an, wo läufst du hin, der Himmel ist in dir; suchst du ihn anderswo, du fehlst ihn für und für.» Glücklich der müde gewordene Mensch, der in seiner Ausweglosigkeit liegen blieb, und zu seiner Ohnmacht steht. Ihm kann geholfen werden. Die leise Berührung des Engels Manchmal, wenn wir des Suchens müde sind, müssen wir uns, in unserer Verlorenheit, von einem anderen suchen lassen. Es braucht dann einen guten Engel, der uns leise berührt, damit wir wieder zu uns selber kommen; einer, der zutiefst vertraut ist mit unserem Weg, der weiss um das Ziel, das wir aus dem Auge verloren haben. Es braucht einen, der unsern Blick von der Erde weghebt auf den weiten Horizont, der vor uns liegt; einer, der uns stärkt mit Wasser und Brot, mit der lebenserhaltenden Wegzehrung, mit einem guten Wort: «Iss, sonst ist der Weg zu weit für dich.» Es braucht den guten Engel, der den Verlorenen an seine ursprüngliche Berufung erinnert, der Mensch zu werden, der in ihm grundgelegt ist. Es braucht den guten Engel, der den müde gewordenen wieder auf den Weg bringt, den Weg, der nach oben führt. Er muss in ihm die Sehnsucht der Zugvögel wecken, aufzubrechen nach der «frühlingshaften Heimat», die er noch nie gesehen hat. «Der Mensch ist ein Hungerleider nach Glück, aber die Welt ist eine Nummer zu klein geraten.» Kein Gut auf Erden vermag den Hunger nach Glück zu sättigen. Der grosse Hunger und das kleine Glück! Und darin besteht das Glück des Menschen, dass er das Glück sucht, und wenn er es gefunden hat, sich freut an seinem Glück, es nicht festhält und nicht müde wird, das grössere, das innere Glück, zu suchen. «Gerade in dem dauernden Überschreiten des Findens ins Suchen und des Suchens ins Finden liegt die tiefste Erfüllung menschlicher Existenz.» Das ist der Ruf des Blutes, die Sehnsucht nach der frühlinghaften Heimat, die wir nie gesehen haben: «Du, o Gott, hast uns auf dich hin geschaffen, und ruhelos ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.» P. Hubert Holzer SJ lebt in der Jesuitengemeinschaft in Basel und wirkt als Exerzitienleiter, auch im Kloster Baldegg. Diric Bouts, 1410 – 1475

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