baldeggerjournal

10 Das marokkanische Köfferchen Marianne Erne, Staufen Sophie stand nahe am Förderband. Sie wartete auf ihr Köfferchen am Flughafen in Zürich-Kloten. Sie reiste seit Jahren mit dem alten Lederkoffer, den sie von Opa Hugo geerbt hatte. Das Förderband klickte und begann langsam zu fahren. Die Plastikflügel gaben die Gepäckstücke frei. Stets kamen die genormten modernen Rollköfferchen zuerst. Nach wenigen Minuten kam ihr Lederkoffer angerattert. Sophie nahm ihn vom Band, strich ihm liebevoll über den Bauch und prüfte den Boden des Koffers. Dort war kaum sichtbar das marokkanische Staatswappen aufgeklebt, ein grüner Stern auf rotem Grund. Seit mehr als 40 Jahren war dieses Köfferchen in Familienbesitz und das Emblem erinnerte Sophie stets an einen turbulenten Heilig Abend ihrer Kindheit. Opa Hugo hatte zwei Söhne. Den Papa von Sophie und Hugo Junior. Hugo Junior war Kaufmann und wohnte, als Sophie noch ein Kind war, in Tanger. Er leitete dort eine Bank. Hugo Junior hatte auch Kinder, die im marokkanischen Tanger der 60iger Jahre aufwuchsen. Deshalb reiste Opa Hugo Jahr für Jahr im November nach Tanger. Kurz vor dem Nikolaustag war er wieder zurück und das war sehr wichtig, denn Opa Hugo, der evangelische Friseur, schminkte nebst den roten Weihnachtsmännern auch Don Emilios Nikolause in den Bischofsgewändern. Don Emilio war darüber sehr froh, denn er hatte personellen Notstand in dieser Sache. Die Caravelle aus Afrika landete pünktlich. Oma Lilli wartete in der Ankunftshalle. Sie wusste, Opa Hugo würde einen Koffer voll Datteln und Orangen für den Nikolaustag bringen. Ganz feine frische Ware. Opa Hugo war der erste, der durch den Zoll ging. In der Hand den Lederkoffer, den er auf dem Bazar von Tanger erstanden hatte. Auf der Heimfahrt, Oma Lilli sass am Steuer, erzählte er von Hugo Junior und den Enkelkindern im fernen Marokko. Die Überraschung mit dem Nikolaus war auch dieses Mal geglückt. Wie jedes Jahr polterte er an die Türe, rief «ho, ho, ho», trat ein, zwinkerte Hugo Junior zu und spielte für die Kinder den Nikolaus. Später am Abend kehrte er in zivilem Gewand zurück und die Kinder riefen: «Opa Hugo, du hast eben den Nikolaus verpasst!» Zuhause wollte Oma Lilli den Koffer öffnen. Sie freute sich auf die Orangen und fragte nach dem Kilopreis der Datteln. Anstatt des roten Nikolausgewandes und der Früchte kamen afrikanische Stoffe und eine Anzahl kleiner Elefanten zum Vorschein. Oma Lilli erschrak. «Hugo, komm schnell», rief sie, «ich glaube, da ist etwas schief gelaufen.» Opa Hugo sah sich die Bescherung an. Es war «sein» Koffer mit anderem Inhalt. Doch auf dem Boden klebte klein und erst bei genauem Hinsehen erkennbar, das marokkanische Staatswappen. Ein grüner Stern auf rotem Grund. Opa Hugo hatte den Koffer verwechselt. Etwa zur gleichen Zeit wie Opa Hugo das Malheur bemerkte und Oma Lilli fast die Contenance verlor, reiste ein marokkanischer Student Richtung Fribourg. Dort würde Jean auf Einladung seiner Schweizer Tante, das Studium beginnen. Diese war Schneiderin und mit dem Bruder seines Vaters verheiratet. Der Tante brachte Jean einen Koffer voll afrikanischer Stoffe mit. Stunden später hielt er aber ein rotes Klausgewand in den Händen. Die schweizerisch-afrikanische Familie lachte über «das Wunder von Kloten». Der Student fand im Koffer eine Adressliste. Auch Bemerkungen wie: Für Sophie roter Weihnachtsmann, für Kurt Bischofsgewand reservieren, halfen nicht den Besitzer dieser Sachen zu identifizieren. Kloster Baldegg Opa Hugo eilte noch am selben Abend ins Fundbüro der Stadt. Die Angelegenheit war dringend. In diesem Jahr sollte bei Sophie endlich ein roter Klaus erscheinen. Sophie wünschte sich den roten Weihnachtsmann so sehr. Da Mama katholisch, Papa evangelisch und die Kinder wie Mama waren, kam immer ein Nikolaus im Bischofsgewand zu Besuch. Gemeinsam mit Opa Hugo und Don Emilio hatten Mama und Papa beschlossen, Sophie den Wunsch zu erfüllen. Doch «Operation Tanger» machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Opa Hugo musste die Nikolause neu einteilen, denn

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