12 Von Berufs wegen Gott suchen Sr. Marie-Ruth Ziegler, Baldegg Schon vor Jahrtausenden gab es Leute, die sozusagen berufsmässig Gott suchten. Spontan fallen einem jene ein, die es auf extremste Weise taten: Wüstenväter, Säulensteher oder Reklusinnen. Mutwillig setzten sie sich der Ungemütlichkeit der Einöde und Einsamkeit aus. Gott, so waren sie überzeugt, muss in der unendlichen Weite der Wüste zu finden sein. Auf dem ewig gleichen Quadratmeter Boden. Oder in der quälenden Enge einer zugemauerten Zelle. Wahrlich keine verlockenden Aussichten für uns heutige Menschen, die nichts mehr lieben als reden und unterwegssein. Die Geschichte des Abendlandes erinnert jedoch an Generationen von Mönchen und Nonnen, die in monumentalen Klosterbauten oder verlotterten Klösterchen vor allem eines wollten, nämlich Gott auf den Fersen zu bleiben. Und zwar ein Klosterleben lang, in einsamer Treue und am gleichen Ort. «Gott suchen», so lautete der Titel eines Buches, das der Abt und spätere Kardinal Basil Hume vor Jahrzehnten verfasste. Er schrieb es für seine Mönche und ihren geistlichen Weg. Über Jahre blieb das Buch ein spiritueller Bestseller für alle, die auch nach dem Konzil Gott im Kloster suchen und finden wollten. Erfolglos blieben jene, die sich nur lesend auf das geistliche Abenteuer einlassen wollten. Vertrauen haben auf den lieben Gott «Meister, wo wohnst du?» wurde Jesus einmal von seinen Jüngern gefragt. Verblüffend schlicht Jesu Antwort: «Kommt und seht». Eine, die sich dazu aufmachte, war Sr. Martha-Maria Troxler aus dem Luzernerland. 99 Jahre lang läuft sie schon ihrem Meister hintennach. Zuerst tat sie es in der Art ihrer Eltern, die gläubig und ohne grosses Wenn und Aber ein christliches Leben führten, ihren Glauben nicht täglich hinterfragten und dem Gebet einen unbestrittenen Platz im Tagesablauf einräumten. Respekt und Ehrfurcht vor dem grossen und heiligen Gott waren ihnen selbstverständlich. Das aufgeweckte Mädchen erlernte von ihnen einen einfachen unkomplizierten Umgang mit Gott. Im Kloster erlebte die jungen Novizin, dass Verzicht und Opfer zum Klosterleben gehören. ‹Dem lieben Gott zuliebe›, so hiess die damalige Zauberformel, um mit Regeln, Vorschriften und Traditionen über die Runden zu kommen. Sr. Martha-Maria fand das normal, «es war halt damals einfach so. Nicht nur im Kloster». Wie zu jedem Ordensweg, so gehörten Schwieriges und Leichtes, Schönes und Leides dazu. Nicht immer hat sie Gott und seine Pläne verstanden. In solchen Momenten fand sie im Dunkel der Kapelle Antwort auf ihr persönliches Ringen. Hier deponierte sie auch ihren Dank für die kleinen Wunder des Alltags. Oder bat auf den Knien um erlösendes Verzeihen von Schuld. Wie nebenbei ist in diesen 75 Klosterjahren leise und unmerklich in ihr eine geheime Kraft gewachsen, die sie «Vertrauen haben auf den lieben Gott» nennt. Die grösste Probe des Vertrauens steht ihr allerdings noch bevor. «Viel Zeit bleibt mir nicht mehr. Ich habe den 99. Geburtstag bereits gefeiert. Der Himmel ist nahe. Die Tage, die mir noch bleiben, benutze ich, um immer wieder das Gespräch mit Gott zu suchen und bei ihm zu verweilen. Wenn Angst mich beschleichen will, dann erinnere ich mich daran, dass Gott mir immer geholfen hat.» Ist der klösterliche Weg passé? Das «Immer-Kleiner-» und «Immer-Älterwerden» der Ordensgemeinschaften in der Schweiz provoziert: Wie geht es weiter mit dem Ordensleben? Mit den Baldegger Schwestern? Den Klöstern? Ist die Art und Weise, Gott im Kloster zu suchen, unzeitgemäss? Man kann so denken. Man kann auch auf die Geschichte verweisen. Oder darauf, dass Schöpfgefässe zwar hilfreich, lebensentscheidend jedoch Wasser und Quelle sind. Gott lässt sich auf vielfältige Weise suchen und finden. Herzenseifer und unbändiges Vertrauen gehören aber auch künftig dazu. In Baldegg und überall, wo Menschen Gott suchen. Kloster Baldegg
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