2 Das Mass hält Welt und Mensch Ein herrlicher Maitag: Ich sitze da, warte auf gute Einfälle, schaue, höre, rieche und sinniere vor mich hin. Die Natur strotzt vor Grünkraft, die Obstbäume sind über- und übervoll von Blüten, Blättern und Formen ohne Zahl; die Luft erfüllt von Düften, die Stille der Halbinsel räsoniert die vielfältigen Vogelstimmen. Alles in Fülle: üppig, reich, verschwenderisch, überfliessend und gerade deshalb so wohltuend und schön. Da fällt mir ein: «masslos» ist offensichtlich eine Eigenschaft Gottes zum Wohle des Menschen, ja alles Lebendigen. Wo immer der Mensch sich Masslosigkeit anmasst, entartet sie. Dass auch das Feinmass, das Wohlmass eine Eigenschaft des Schöpfers ist, zeigt sich weniger vordergründig. Perfektes schöpferisches Masswerk Ich erinnere mich an den wunderbaren Astronomen, der uns damals so eindrücklich aufzeigte, dass das Leben auf der Erde nicht einfach Produkt evolutionären Zufalls, sondern perfektes schöpferisches Masswerk sei und nur darum bis heute der einzige Planet, der Leben trägt; weil die dafür notwendigen Bedingungen nur auf dieser Erde so feinmasslich abgestimmt sind. Das wird sichtbar an der Erdatmosphäre: Dank der wohlbemessenen Distanz zur Sonne schirmt sie uns vor Meteoriten ab; sie lässt diese verglühen, bevor sie die Erde erreichen. Und diese Atmosphäre enthält jene präzis zusammengesetzte Mischung von Gasen, die dem Leben von Mensch, Tier und Pflanze dient. Nur drei Prozent mehr Sauerstoff würde häufige unkontrollierbare Brände zur Folge haben. Sogar die Dicke der Erdkruste spielt bei der Stimmigkeit unserer Atmosphäre eine Rolle. Wäre sie dicker, würde viel Sauerstoff unter der Erdoberfläche in Form von Oxiden gebunden. Wäre sie nur wenig dünner, würde sie äusserst anfällig für Beben und Vulkanausbrüche. Und so ist es mit der Grösse unserer Erde. Wäre sie nur etwas grösser und damit ihre Schwerkraft nur geringfügig höher, dann würde sich der Wasserstoff aufstauen; unsere Atmosphäre würde unwirtlich. Und wäre diese Erde nur ein wenig kleiner, dann würde der lebensnotwendige Sauerstoff entweichen und alles Wasser verdunsten, es gäbe kein Leben. Und so ist es mit der Geschwindigkeit, mit der die Erde um die Sonne kreist und den genau richtigen Abstand beibehält. Würde diese geringer, zöge es die Erde Richtung Sonne und alles Leben würde vernichtet. Ebenso ist es mit der Bedingung flüssigen Wassers fürs Leben. Astronomen schätzen: würde sich der Abstand der Erde zur Sonne nur um zwei Prozent ändern, würde das Wasser entweder völlig gefrieren oder völlig verdunsten und somit alles Leben ausgelöscht. In der Schöpfung liegt also beides: Masslosigkeit und subtil abgestimmtes Mass. An der Fülle erfreuen wir uns; das Mass trägt uns. Was Fülle, Mass und Mensch miteinander zu tun haben, ging mir an einem sogenannten «Leistungsfotografen» auf. Der Mitarbeit in einem Buchprojekt verdanke ich diese Erfahrung. Damit das Einzigartige sich offenbaren kann Leistungsfotografen, so liess ich mich überzeugen, suchen nach der Millisekunde, in der sich aus dem vorliegenden Vielfältigen das verborgene Einmalige und Einzigartige offenbart: in Landschaft und Architektur, bei Menschen und Naturerscheinungen usw. Leistungsfotografen setzen die Atmosphäre dieses einmaligen Augenblicks in Szene. Sie nützen ihr Spürmass für Nähe und Distanz, für die feinen Veränderungen im Licht der Natur, sie vergessen die Zeit zugunsten ihres Vertrauens in die Kraft des Augenblickes. So tasten sie sich an ihr Ziel heran, wohl wissend: dieses ist nicht machbar – nur erlebbar. Die Kraft des Bildes soll die Überzeugungskraft des Dahinterliegenden vermitteln, verständlich und zugänglich. Es ist eine minimale zeitliche Differenz, welche diesen grossen Unterschied in den beiden hier gezeigten Landschaften bewirkt. Und es ist der Mensch, der solches Masshalten gekonnt und hingebend in den Dienst der Sache stellt. Bildungshaus Stella Matutina Sr. Hildegard Willi, Hertenstein
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