3 Das Mass suchen, finden und setzen gehört zum Menschen Es gibt es nicht, das für alle verbindliche Mass, sondern immer nur das persönlich abgestimmte unter Einbezug all dessen, was mitwirkt. Und da beginnt die eigentliche Schwierigkeit für uns Menschen heute. Das Mass will immer wieder gesucht, gefunden und gesetzt werden, und zwar durch mich persönlich. Und das ist in beinahe allen Lebensbereichen der Fall: ob wir essen oder schlafen, arbeiten oder nichts tun, Auto fahren oder durch die Luft fliegen, konsumieren oder kommunizieren. Eine kürzlich gemachte Erfahrung zum letzten hängt mir nach. Ich gerate ins grösste Einkaufszentrum der Stadt Koblenz (D). Eine gute Bekannte rät mir: Wenn du schon in Koblenz bist, musst du das gesehen haben. Schaden kann es nicht, denke ich mir. Und tatsächlich, es hat mir viererlei drastisch vor Augen geführt: – Unser Alltag ist von massenhafter Anwesenheit der Dinge beherrscht. Alles ist da: Kleider und Schuhe, Juwelen und Bücher, Elektrogeräte und Fleischwaren, Obst und Papier, Computer und Uhren, Kosmetika und Handtaschen, Lederkoffer und Sportgerät, Spielzeug und Mordwaffe. Und all das in Vielzahl, im Übermass. Wie hingezaubert offenbart sich mir das Universum der Dinge: sie stehen mir zur Verfügung, bieten sich mir an, harren ihrer Aneignung, ihres Gebrauchtwerdens und ihrer Entsorgung. Niemand weiss, woher sie kommen, wohin sie gehen. Nur gerüchteweise weiss ich von jenen Friedhöfen, Halden, Verbrennungsanlagen und Endlagern, wo die Dinge ihre letzte Bestimmung finden. – Dass ich an den meisten Dingen ihr Gewordensein, ihre Herkunft nicht mehr wahrnehmen kann, daran habe ich mich mehr oder weniger gewöhnt. Und vielleicht ist das eine Voraussetzung dafür, dass wir moderne Menschen uns wesentlich als Konsumenten zu verstehen haben. Dass alles auf das Konsumieren ausgerichtet wird, macht deutlich, dass Konsumieren zu einer der wichtigsten Lebenstätigkeiten geworden ist; und dies über alle Lebensalter hinweg, vom Kind zum Greis, über verschiedenste Hautfarben hinweg. – In dieser Ding- und Menschenmenge reduziert sich das Kommunizieren auf ein Mindestmass. Ohne die konsumunterstützende Hintergrundmusik und die Geräusche der verkehrenden Elektrovehikel ist es beinahe gesprächsstumm. Ding und Mensch haben sich, und sie scheinen sich zu genügen. Konsumieren macht offensichtlich Kommunizieren überflüssig. – Beim Gehen durch dieses sich masslos ausbreitende Universum der Dinge, überfällt mich die Frage: Was von all dem benötige ich wirklich? Und es bleibt ganz wenig, was dieser Frage standhält. Ich schaue wieder in diesen Warenhimmel und schaue in das Antlitz der kaufenden Menschen. Dabei merke ich, wieder einmal: Es ist gut und heilsam – auch hier – den eigenen Massstab nicht auf andere überzustülpen. Es gibt auch diese Art des Übergriffs. Im Suchen, Finden und Setzen persönlicher Massstäbe offenbart sich immer auch das Einzigartige einer Person. Und darum bleibt das Herausbilden persönlicher Massstäbe für das Wahre, Gute und Schöne Massstab wahrer Menschenbildung. Es ist eine minimale zeitliche Differenz, welche diesen grossen Unterschied in den beiden hier gezeigten Landschaften bewirkt. Und es ist der Mensch, der solches Masshalten gekonnt und hingebend in den Dienst der Sache stellt.
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