4 Die Klosterherberge hat uns gefunden Vor kurzem sind Sie aus Ihrer geräumigen Wohnung im Grossraum Zürich ausgezogen. Nun bewohnen Sie eine knapp halb so grosse Wohnung in unserem umgebauten Schloss in Baldegg. Ein bewusster Verzicht auf Quadratmeter oder einfach der Wunsch, einmal Schlossherrin und Schlossherr zu sein? Gabriele Castagnoli: Die Idee war es, zu reduzieren. Mittlerweile wissen wir, dass das Glück «in der Wiese liegt»1 und nicht in einer grossen Wohnung. Dass wir in einem derart schönen Gebäude und Umfeld gelandet sind, konnten wir nicht ahnen. Die Schlossherrin ist weniger mein Ding. Schlösser und auch Klöster sind für mich architektonisch und kulturell interessant – aber sie gehören nicht gerade zu meinen Wohnfantasien. Sesto G. Castagnoli: Es war ein bewusster, materieller Verzicht auf Quadratmeter. Aber auch spirituell war eine neue Lebensepisode angesagt. Das Reduzieren und Loslassen hat enorm Spass gemacht. Die wunderbare Fügung mit der Wohnung im Schloss hat mir einen noch intensiveren, inneren Weg aufgezeigt. Und es ist so schön zu sehen, wie Gott die Wünsche, alle zu ihrer Zeit, erfüllt. Seit Jahrzehnten wünschte ich mir, einmal in einem Schloss zu leben! Nachdem nun 20 Jahre vergangen sind, seit ich 1992 erstmals, von Malaysia kommend, nach Afrika reiste, bin ich angekommen. Ganz nach dem Motto der Klosterherberge: «Haltestelle fürs Leben». In dieser Zeit durfte ich auch all meinen Besitz loslassen. Dankbar bin ich schwere, aber lehrreiche Pfade gegangen. Dazu gehörte letztes Jahr auch der bewusste Verzicht auf praktisch alle acht Projekte, die ich initiierte oder geleitet habe, um meinen Fokus auf die Arbeit in der Wirtschaft zu richten. Hier will ich den Bewusstseinswandel praktisch leben und fördern. Gabriele und Sesto Giovanni Castagnoli, Baldegg, im Gespräch mit Sr. Marie-Ruth Ziegler Frau Castagnoli, was war Ihnen beim Wohnungsumzug wichtig oder welche Chance wollten Sie beim Wohnungswechsel nicht verpassen? Ich finde Ihre Frage nach der verpassten Chance spannend. Wenn ich das höre, merke ich, dass ich anders «funktioniere». Da ist einfach ein grosses Vertrauen, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, das «Richtige» zu tun – auch wenn manches für mich erst in der Nachbetrachtung einen Sinn bekommt. Heute würde ich sagen, die Klosterherberge hat uns gefunden. Herr Castagnoli, ist «Downsizing» für Sie ein generelles oder ein persönliches Ziel? Ich lebe bereits seit über einem Jahrzehnt praktisch mit zwei Koffern. Schon während meiner Afrika-Zeit habe ich nur ein sehr, sehr kleines, möbliertes Zimmer in Zürich als «pied de terre» bewohnt. EntSchleunigen und Ent-Sorgen sind für mich zwei Begriffe, die ein erfülltes Sein ermöglichen. Insofern ist es auch ein generelles Ziel. Ich würde mich sehr freuen, wenn diese Einsicht bei vielen Menschen reifen würde und das Konsumverhalten sich entsprechend änderte. Zwei Koffer? Genügen sie wirklich? Was fehlt Ihnen, wenn Ihnen wirklich etwas fehlt? Ich bin immer noch am Reduzieren und denke, sogar ein Koffer, oder ein Rucksack könnten genügen. Tja, was fehlt mir? Tatsächlich fehlt mir nicht wirklich etwas. Schon vor vielen Jahren, auch in sehr schwierigen Zeiten, habe ich Gott für jede Sekunde Erfahrung in meinem Leben gedankt. Ich bin optimistisch und positiv und lebe nach dem Grundsatz: «Liebe, lache, lebe!» An diesen erinnere ich mich sofort, wenn mich andere Gedanken beschäftigen, die ich jedoch zulasse und anschaue. Sie verstehen sich als Weltbürger. Woran nimmt ein Weltbürger sein Mass? Ich versuche, nicht nur lokal, regional oder national zu denken, sondern habe die globalen Auswirkungen unseres Handelns im Fokus. Das Mass kann ich nur an mir selbst nehmen. Ich kann in erster Linie mich selbst ändern, zufrieden sein, Freude haben, achtsam sein, wahrnehmen, dankbar sein und diese Werte mit meinen Mitmenschen teilen, egal, wo ich mich gerade auf diesem wunderbaren, prachtvollen Planeten Erde aufhalte. Stimmt mein Inneres, stimmt auch mein Äusseres. Sie sind Mitbegründer des WSF World Spirit Forums und der World Spiritual Foundation und halten in allen Erdteilen Vorträge zu globalen Themen, wobei Sie den Fokus auf Spiritualität, Bewusstseinswandel, globale Transformation etc. legen. Hat nicht das, was den Menschen letztlich in seiner Existenz beglückt oder schmerzt, immer seinen kleinen Platz an einem ganz konkreten lokalen Ort? Warum trotzdem dieses globale Engagement? Für diese Frage bin ich sehr dankbar! Sie sagt schon viel. Ja, lokal, in meinem Herzen, meinem Inneren soll ich zuhause sein. Ja, lokal soll ich wirken und dabei global, holistisch denken. Um meine Werte zu leben, muss ich nicht in ferne Länder reisen. Aber ich darf, wenn ich dazu berufen werde. Es stimmt, da wo ich bin, bin ich in meinem Sein. Da ich mich selbst jederzeit überall auf diesem Planeten Erde wohl fühle und mich sofort an die Umgebung adaptiere, verstehe ich lokal, regional, national, international vielleicht anders als viele liebe Mitmenschen. An vielen Orten dieser Welt, wo ich war, sei es in Afrika, Russland, Asien, Lateinamerika etc. könnte ich mich sofort zu Hause fühlen. Es wäre schön, wir hätten keine Grenzen und jeder Mensch könnte sich frei bewegen. Mich interessiert eine Welt, in der alle da, wo sie zuhause sind, in Würde leben Klosterherberge
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