6 Klosterherberge Mass halten und Frieden finden Schon Jahre bin ich mit dem Thema «Mass halten» herausgefordert. Es gibt Menschen, die leben von ihrem Wesen her permanent mit ganzem Einsatz, auf vollen Touren, verausgabend, irgendwie masslos. Zu diesen Menschen gehöre ich. Es ist ein intensives, leidenschaftliches Leben, mit Haut und Haar, voller Energie und Kraft. Das geht so lange gut, wie die persönlichen Kräfte ausreichen. Geschöpflichkeit bewegt sich in Grenzen Kräfte sind begrenzt, die Zeit nicht endlos, unser Leben bewegt sich in Grenzen. Das zu erkennen und gar zu fühlen, kann erschreckend und schmerzlich sein. Leben mit Grenzen gehört zum Menschsein, mir ist aufgegeben, mich mit meinen Grenzen, meiner Geschöpflichkeit auszusöhnen. Gott, der Schöpfer, hat mich nach seinem Plan gemacht. Jeder Mensch ist ein Liebesgedanke Gottes, das «Werk seiner Hände», einmalig, «massgeschneidert», genau so und nicht anders gewollt. Wenn dieser Glaube in einen hinein sinken darf, kann sich Leben verändern. Ich habe erkennen dürfen, dass Begrenzungen auch etwas mit Schutz zu tun haben. Gott hat mir nach seinem Gutdünken zugeteilt, und so ist es gut. Meine Grenzen können mir Umfriedung sein, darin ich mir selber geschenkt bin und wo ich meinen Frieden finden kann. Dem innersten Wesen gemäss leben Gott bestimmt das Mass der Dinge, Gott hat mir mein Mass gegeben. Das Finden des eigenen Masses hat mit Erspüren zu tun. Ich muss mir Zeiten des Innehaltens schenken, wo ich in meinem Leib nachspüre und die Körpersignale achtsam wahrnehme. Mein persönliches Mass erschliesst sich mir über das Wahrnehmen der inneren Stimmigkeit. Im Grunde geht es beim Masshalten darum, dass ich meinem innersten Wesen gemäss lebe. Dann bin ich in meiner Mitte, im Einklang mit mir selber. Leben mit Mass wäre aber falsch verstanden, wenn wir darunter Mittelmässigkeit verstehen würden. Mass halten heisst, die Mitte einhalten (Aristoteles). Das rechte, gute Mass beinhaltet die Spannung der Pole. Es ist die Herausforderung, die Gegensätze des Zuviel und des Zuwenig, der Über- und der Untertreibung in mir zusammen zu bringen. Das rechte und gute Mass ist für jeden Menschen etwas anderes und muss immer wieder neu gefunden werden. Das Hinhören auf meine jetzigen Lebensumstände, auf meinen Leib, auf die Rhythmen der Natur, z.B. von Tag und Nacht, hilft mir in einem guten Gleichgewicht zu leben. Ich versuche, die Wirklichkeit mit mir zu verbinden und angemessen zu entscheiden und zu handeln. Mässigung hilft zum Geniessen von Leben Für mich, die ich immer wieder gefährdet bin, über mein Mass zu leben, heisst Masshalten auch Selbstbeschränkung und Askese. Das fällt nicht immer leicht. Dazu braucht es die Erfahrung, dass glückliches, erfülltes Leben nichts zu tun hat mit «gefülltem oder überfülltem Leben». Mass halten heisst dann Prioritäten setzen und auswählen. So verhilft Mässigung auch zum Geniessen von Leben. Der Weg zum Leben mit dem eigenen Mass ist ein Weg zu mir selber. Ich muss frei werden vom Vergleichen mit anderen und den Mut haben, zu meinen Möglichkeiten und Grenzen zu stehen. Beides ist nicht immer einfach, aber in geduldigen kleinen Schritten lernbar. Bei Paulus lese ich, dass jeder und jede von uns die Gnade «in dem Mass, wie Christus sie ihm geschenkt hat» (Eph 4,7) empfangen hat und empfangen wird. Und uns ist soviel gegeben, wie wir brauchen für «die Erfüllung unseres Dienstes», unserer Lebensaufgabe und unserer Bestimmung. Wenn ich dieses mir zugemessene Mass finde und mich mit meinen Rahmenbedingungen aussöhne, finde ich meinen inneren Frieden und kann in meiner Begrenzung blühen und «Frucht bringen». Sr. Rahel Künzli, Baldegg
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