7 Klosterherberge Unsere Jüngste ist die Kleinste Architekten sind unbestritten Künstler in ihrem Metier. Zudem sind sie meist sehr gross gewachsen. Ihre langen Beine haben Auswirkungen ganz praktischer Art. Sie bestimmen die Höhe von Schränken und Tablaren, von Kleiderhaken und Spiegeln, von Lavabos und Küchenregalen. Das alles kann kleinen Leuten zur täglichen Plage werden. Alles sei auf das Mass der grossgewachsenen Personen ausgerichtet, so deponierte denn einmal eine Schwester ihren Ärger schrifltich bei der Baukommission des Klosters. Man möge doch künftig beim Planen und Bauen im Kloster besser daran denken, dass nicht alle die Körperlänge des Klosterarchitekten hätten, sie jedenfalls nicht. Für sie bedeute es, dass sie den Kleiderhaken nur mit einem Schemel erreiche. Und das seit Jahrzehnten. Ebenso würde sie gerne auch einmal ihren ganzen Kopf im Spiegel sehen und nicht nur die Stirne. Auch das wäre ihr zu gönnen gewesen. Für Schwester Bettina hingegen sind diese Architektensünden zu vernachlässigende Probleme. Sie kennt andere. Doch davon später. Ist sie für etwas zu klein, in Windeseile zaubert sie aus dem Nichts einen Schemel herbei, und schwups ist sie schon gross genug, um im Klosterkafi die Kaffeebohnen problemlos in die Kaffeemaschine nachzufüllen. Die Natur hat ihre Beine kurz gemacht. Weiss Gott warum. Aber es ist jetzt halt einfach so. Sagt sie und beteuert, dass sie trotzdem alles machen kann. Und schiebt noch nach, dass sie es sicher so schnell wie die andern schaffe. Das wissen alle. Bis Sr. Marie-Ruth Ziegler, Baldegg eine Schwester mit normaler Beinlänge gemerkt hat, dass etwas fehlt, ist unsere Jüngste schon dabei, die Sache zu erledigen. Erst in der Schule habe sie realisiert, dass sie kleiner als die andern Kinder sei. Zwergli oder Liliputaner hätten sie ihr nachgerufen. Das habe ihr damals schon weh getan. Heute mache es ihr mehr zu schaffen, wenn Leute mit ihr wie mit einem Kind reden. Und das einfach, weil sie klein gewachsen sei. Im Klosterkafi, wo sie sehr gerne mitarbeitet, erlebe sie aber etwa, dass jemand überrascht ausrufe: «Isch das äs herzig‘s Schwöschterli!». Einmal hätte ein Gast sogar einen Blumenstrauss gebracht und gesagt: «Der ist für die kleine Schwester.» Ihre Körpergrösse verschafft ihr nämlich auch Vorteile. Wenn Kinder ins Kinderkafi oder ins Märlikafi kommen, dann ist Schwester Bettina der Star. Im Nu hat sie mit ihnen Freundschaft geschlossen. Begegnung auf Augenhöhe, das lieben Kinder. Über die Jahre hat Schwester Bettina gelernt, dass fehlende Zentimeter nicht das Wichtigste im Leben sind. Nachdem die Ärzte damals mit mehreren Operationen versuchten, ihr noch einen oder zwei Zentimeter dazu zu schenken und sie dafür praktisch ein Jahr ihres Lebens opfern musste, merkte sie, dass es auch ein Leben mit kurzen Beinen gibt. Daraufhin ist sie ins Kloster Baldegg eingetreten. Zwanzig Jahre sind es her. Die Kleinste ist sie geblieben und auch die Jüngste. Nach ihr haben noch einige andere junge Frauen den Schritt in unser Kloster getan. Sie alle hatten längere Beine.Aber sie sind alle wieder gegangen. Ist sie für etwas zu klein, in Windeseile zaubert sie aus dem Nichts einen Schemel herbei, und schwups ist sie schon gross genug, um im Klosterkafi die Kaffeebohnen problemlos in die Kaffeemaschine nachzufüllen.
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