8 Bourguillon Szene 1: Freitagabend, 16. April 2012, 22.25 Uhr. SF Sportlounge1. Ein kurzer Filmbeitrag zeigt einen jungen Mann, der sich einsam an einer kahlglatten Felswand abmüht. Der durchgebeugte Körper schwebt frei in der Luft, gehalten nur von den eigenen Fingern, die sich in einem schmalen Felsenriss festkrallen. Irgendwo entdecke ich ein Seil und ein paar Sicherungshaken. Trotzdem halte ich den Atem an. Unglaublich, dass diese Finger das Gewicht des jungen Sportlers zu halten vermögen. Ich bekomme Hühnerhaut ob des gefährlichen Anblicks und schliesse für einen Moment die Augen. Das stöhnende Ächzen des weltberühmten Risskletterers Didier Berthod fährt mir durch Mark und Bein. Sein Schweiss rinnt über den Körper und glänzt im gleissenden Sonnenlicht. Keuchend schiebt der Kletterer den einen Fuss ein paar Zentimeter weiter auf der vertikalen Felswand. Die Kamera schwenkt auf seine geschundenen blutenden Finger. Dann auf das Gesicht. Es spiegelt höchste Anstrengung wieder. Von weither vernimmt man die unterstützenden Zurufe einiger Freunde: «Come on, Didier, come on!». Dann ein Schrei, und der junge Mann saust sozusagen im freien Fall in die Tiefe. Sein Sicherungsseil spannt sich und fängt den Kletterer vor dem Zerschmettern auf. Ich atme tief durch. Warum nur macht man so etwas Verrücktes wie diese Risskletterei? Die Frage geht mir nicht aus dem Kopf. Ich will sie Didier Berthod unbedingt persönlich stellen. Szenenwechsel Sr. Marie-Ruth Ziegler, Baldegg Szene 2: Mittwochmittag, 30. Mai 2012, 13.00 Uhr, Mittagspause in Bourguillon. Nun sitze ich dem Risskletterer Didier Berthod persönlich gegenüber. In einer knappen Stunde wird er – wie bereits schon einmal an diesem Morgen – ein schriftliches Examen haben. Hinter sich hat er ein Studienjahr am «Europäischen Institut Philanthropos», das seit einigen Jahren in unserem ehemaligen Mädchenpensionat Salve Regina in Bourguillon jungen Frauen und Männern ein Ausbildungsjahr anbietet. Trotz der Examen nimmt Didier Berthod sich Zeit, mich zu treffen, meine Fragen zu beantworten und mit mir in aller Ruhe Kaffee zu trinken. Mein Gegenüber ist ein äusserst sympathischer junger Mann, der eine wohltuende Heiterkeit ausstrahlt. Die schmerzverzerrte Anspannung, mit der ihn der Filmbeitrag beim Klettern zeigte, ist weg, und seine dunkel funkelnden Augen signalisieren neugierige Aufmerksamkeit. Leichtfüssig tanzen seine Antworten durch den Raum, immer wieder unterbrochen durch sein helles ansteckendes Lachen, das sich wie lustige Pirouetten in der Luft auflöst. Frère Didier – wie er hier gerufen wird – ist es gewohnt, Fragen zu seiner Kletterkarriere zu beantworten. Noch mehr interessiert jedoch die Leute, weshalb er nicht mehr klettert und stattdessen sein Leben nun als Mönch, als Bruder, in der noch jungen Gemeinschaft «Eucharistein» verbringt. Weshalb so plötzlich eine totale Kehrtwendung in sein Leben eingetreten ist. Was damals geschehen war, als er 2005 sein grosses Ziel, die Erstbesteigung des Cobra Crack in British Columbia in Kanada zu wagen, unvermittelt aufgab und sein Leben Gott zuwandte. Frère Didier beantwortet auch diese Fragen ohne Mühe. Die Kletterei habe ihn fasziniert und die abenteuerliche Seite des Lebens gezeigt. Er sei voller Tatendrang, Lebenslust und Sehnsucht nach Freiheit, Lebensintensität und Grenzerfahrungen gewesen. Die radikale Kehrtwendung in seinem Leben sei jedoch nur eine scheinbare gewesen, eine äusserliche. Innerlich, dessen ist er sich inzwischen ganz sicher, sei er schon immer auf dem Weg des Glaubens gewesen. Klettern sei nur ein Mittel gewesen, seiner Sehnsucht Raum zu geben. Nur hätte er das damals nicht so genau gewusst. Aber als sein Knie ihm damals am Cobra Crack die körperliche Grenze signalisierte und ihm klar wurde, dass die Erstbesteigung nicht mehr im Bereich seiner Möglichkeiten lag, da sei er eigentlich glücklich gewesen. Glücklich, weil er plötzlich eine grosse innere Freiheit verspürt habe. Dabei habe er gewusst: Nun beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Die Kletterei hatte er immer als unstillbaren Durst erfahren,der ihn zu extremster Leistung und masslosem Einsatz seiner Kräfte angetrieben habe. Der Durst nach «Leben in Fülle» ist geblieben. Frère Didier glaubt felsenfest, dass nur Gott seinen Durst ganz zu stillen vermag. Er entdeckt viele Parallelen zwischen seinem damaligen Leben als Kletterer und dem heutigen als Bruder Didier. Extrem viel an Aszese und regelmässigem Training habe es damals gebraucht. Das fordert auch sein Alltag in Bourguillon. Jeder Kletterer brauche zu Beginn einen erfahrenen Führer, der die bereits begangenen Routen am Berg aufzeige. Dann komme die Phase, wo man den eigenen Weg am Fels suche und ausprobiere. Als Kletterer drängte es Didier Berthod, immer dort seinen Weg zu suchen, wo vor ihm noch keiner gegangen war. Genau so erfährt er sich im Studium: Er lässt sich die traditionellen Wege der Gottbegegnung gerne aufzeigen, aber noch mehr will er neue entdecken.
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