baldeggerjournal

10 Benedikt – ein Mann des Masses Sr. Simone Buchs ist seit 2004 Priorin des Klosters Heiligkreuz, Cham. Die Olivetaner Benediktinerinnen gründeten 1953 in Korea eine Gemeinschaft, die heute ein selbständiges Priorat bildet und mit Heiligkreuz Cham in einer Föderation zusammengeschlossen ist. Sr. Simone Buchs OSB, Cham Die Benediktsregel prägt nicht nur den Alltag der benediktinischen Ordensleute, sondern ist neuestens auch die Grundlage in Managerkursen, Lehrerfortbildungen und Elternforen. Man reibt sich verdutzt die Augen. Was hat die mittelalterliche Regel Benedikts an sich, dass selbst ein moderner Manager daraus etwas für seinen Führungsstil ableiten kann? Die Regel Benedikts ist bekannt für ihr Masshalten. Dazu braucht es klare Strukturen und Verbindlichkeiten. Die Zeiten für das gemeinsame Beten werden genau festgelegt, damit zwischen den Gebetsstunden Raum für die vertiefende Lektüre und für die Arbeit bleibt. So entsteht der typische benediktinische Gleichklang des ORA, des LEGE und des LABORA. Das Gebet soll die Arbeit durchdringen, die Arbeit das Gebet befruchten, und das Lesen soll für beides den nötigen Verständnishintergrund schaffen. Dazu kommt die stete Aufforderung zur Achtung, zum aufmerksamen Hinhören und zum sorgfältigen Umgang mit den Mitmenschen und den Dingen. Die Mahnung zum Masshalten zieht sich durch die ganze Regel hindurch und betrifft vor allem die Kapitel, die sich mit den Anforderungen an den Abt befassen. «Immer wisse er zu unterscheiden und Mass zu halten und denke an die weise Mässigung des heiligen Jakob, der sprach: Wenn ich meine Herde auf dem Marsch übermüde, werden sie alle an einem Tage zugrunde gehen» (BR 64,18). Es ist Benedikt wichtig, dass der Vorgesetzte in allem Mass halte, denn Mässigung sei die Mutter der Tugend. So könne er den Starken geben, was sie brauchen, und die Schwachen werden nicht überfordert. Der Abt lehre mehr durch Taten als durch Worte. Benedikt nimmt die göttliche Gerechtigkeit in Anspruch, indem für ihn gilt, dass nicht alle dasselbe erhalten sollen, sondern jeder das, was er braucht. Das Mass ist also die Bedürftigkeit des Mönchs, nicht das Urteil des Obern. Die Aufgabe des Mönchs besteht dann darin, fein abzuwägen, was er wirklich benötigt und worauf er verzichten will, um keinen Neid zu erwecken oder um den Frieden zu erhalten und auf dem geistlichen Weg Fortschritte zu machen. Aber auch dem heiligen Benedikt war das Masshalten nicht angeboren, so jedenfalls wird es in seiner Vita überliefert. Er lebte anfänglich als Eremit in einer Höhle. Trotz grosser Abgeschiedenheit verbreitete sich sein Ruf als Mann Gottes in der Umgebung. Mönche auf der Suche nach einem Abt hörten davon, und sie baten ihn, ihre Gemeinschaft zu leiten. Trotz grosser Bedenken zog er mit ihnen nach Vicovaro. Sein Regiment muss streng und fordernd gewesen sein, so dass die Mönche zu murren anfingen. Schliesslich versuchten sie ihn gar zu vergiften. Benedikt verliess Vicovaro und zog sich wieder in eine Höhle zurück, um «bei sich zu wohnen», wie es heisst. Dort reifte er zu einem Mann des Masses heran, das nie das Bequeme, das Unverbindliche meint, sondern immer die Möglichkeiten des Einzelnen berücksichtigt. Ordensobere, Manager und Erziehende lesen die Benediktsregel dann mit Gewinn, wenn sie ein Klima gegenseitiger Achtung fördern, klare Richtlinien und Strukturen vorgeben, in denen sich jeder gemäss seinen Fähigkeiten entfalten kann. Das Mass sind dabei nicht der persönliche Ehrgeiz und das Durchsetzen des eigenen Willens, sondern der gegenseitige Respekt und die Anerkennung der je eigenen Begabungen auf ein gemeinsames Ziel hin. Masshalten bedeutet nicht etwa im Mittelmässigen stecken zu bleiben oder in einer falsch verstandenen Toleranz zu verharren, die nichts anderes ist als Gleichgültigkeit, sondern es ist wie ein Seiltanzen über diesem Abgrund in der Suche nach dem je Besseren. Kloster Baldegg

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