11 Was soll dieser Titel in einem Journal, das überschrieben ist: «Vom Masshalten»? Er zeigt mein Dilemma: Soll ich mich ans Thema des Journals halten und gleichzeitig über Franziskus schreiben, dann bleibt diese Seite leer, denn Masshalten und Franziskus sind unvereinbar! Aber ich soll diese Seite ja füllen, also … Masshalten war Franziskus fremd Eines ist klar, Franziskus war ein massloser Mensch. Masshalten war ihm in jeder Hinsicht fremd. Je besser ich ihn kennen lerne, je näher er mir kommt, umso mehr finde ich eine Bestätigung für diese Aussage. Schon seine Jugendzeit ist von Masslosigkeit geprägt. Er ist masslos im Ausgeben von Geld, « … dass er alles, was ihm zur Verfügung stand und was er verdiente für Gastmähler und ähnliches verbrauchte», erzählt die Dreigefährtenlegende. Und auch sein Verlangen nach Ehre und seine Eitelkeit sind masslos. Mehr als einmal macht er deutlich, dass er zu Grossem berufen ist, zum Fürsten, zum Ritter, und dass ihn einmal die ganze Welt verehren wird. Franziskus – ein massloser Mensch? Dieser Drang nach Ehre lässt ihn, kostbar ausgestattet mit Pferd und Rüstung, in den Krieg ziehen, in dessen Folge er Gefangenschaft und Krankheit erfahren muss. Das zwingt ihn zum Nachdenken. Zwei Erfahrungen verändern – zwar nicht seine Masslosigkeit – aber ihr Ziel. Auf einem Ritt in der Ebene unten begegnet er einem Aussätzigen. Er steigt vom Pferd, gibt dem Aussätzigen ein Almosen und umarmt ihn. Diese Begegnung verwandelt ihn. Von da an ist sein Platz unten bei den Ärmsten und Ausgestossenen, und sein Mitleid und seine Freigebigkeit ihnen gegenüber ist genau so masslos wie vorher seine Verschwendungssucht. Seine Sensibilität für die Armen nimmt ein Ausmass an, das nicht mit den üblichen Massen gemessen werden kann. Eine zweite Begegnung führt in die gleiche Richtung. Franziskus, der reiche und gut gekleidete junge Mann, begegnet dem fast nackten Gekreuzigten in der verfallenen Kapelle von San Damiano. Diese Begegnung mit dem Gekreuzigten auf Augenhöhe lässt ihn seine Sucht nach Ruhm und Ehre ins Gegenteil kehren. Von jetzt an will er, in der radikalen Nachfolge des armen Christus, der Mindere, der Kleinste und der unbedeutendste Diener aller sein. Auch hier ist er masslos. Es gibt keine Sehnsucht mit Mass Worin liegt der Grund für diese Masslosigkeit auf beiden Seiten? Franziskus war ein Mensch der Sehnsucht. Sie treibt ihn an, in seiner Jugend nach Reichtum und Ehre zu streben. Die Sehnsucht aber, die aus Gott stammt, ist wie Gott, dem Wesen nach masslos, nicht zu messen. Es gibt keine Sehnsucht mit Mass. Franziskus muss das erleben. Seine Sehnsucht nach Reichtum und Ehre ist masslos, aber ebenso seine Offenheit für die Zeichen am Weg: der Aussätzige, der Gekreuzigte. Immer wieder betet er um rechtes Erkennen. So lernt er den Umgang mit seiner Sehnsucht, mit seiner Masslosigkeit. Er macht die Sehnsucht zum Antrieb für sein Handeln, lässt sich auf ihre Masslosigkeit ein und lernt damit zu leben. Dabei erfährt er, dass die Sehnsucht nicht zum «Immer-mehr», sondern zum «Immer-weniger» drängt, dass Loslassen das Leben nicht raubt, sondern erst Leben schenkt. Franziskus hat es begriffen. Aus der Masslosigkeit seiner Jugend nach «Immermehr» ist eine Masslosigkeit nach «Immerweniger» geworden. Die Masslosigkeit ist geblieben, aber sie hat ihr Ziel gefunden in einer masslosen Liebe zu Gott, zu den Menschen und zu allen Geschöpfen. Sr. Renata Geiger, Baldegg
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