baldeggerjournal

12 Gott ist ohne Mass Sr. Karin Zurbriggen, Baldegg «Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut.» (Gen 1,31a) Mit diesen Worten schliesst der Schöpfungsbericht im ersten Kapitel der Bibel. Wenn ich die Schöpfung ansehe, so beeindruckt mich immer wieder, mit welch unübertreffbarer schöpferischer Fantasie Gott sein Werk geschaffen hat, und ich staune gleichzeitig auch über seine Grosszügigkeit. Als wäre die Sonne selbst auf die Erde gefallen Wenn der Mai die Wiesen in goldblühende Löwenzahnteppiche verwandelt, dann ist es, als wäre die Sonne selbst auf die Erde gefallen. Tausende und abertausende Blüten öffnen sich dem Licht, so dass jeder weiss, jetzt ist es Frühling! Damit noch nicht genug. Dieser goldgelbe Löwenzahn verwandelt sich nun innert Wochen zu einer höchst attraktiven Samenkugel. Es braucht nur einen Windstoss, und schon segeln Billionen von Samen durch die Luft, um sich irgendwo niederzulassen, fruchtbar zu sein und im nächsten Frühjahr als Löwenzahnblume von neuem gelb zu leuchten. Natürlich finden nicht alle diese Samen fruchtbaren Boden. Die einen landen vielleicht in einem Gewässer, die anderen auf einem Weg. Aber Gottes überschwänglicher, ins Übermass reichende Massstab ist Garant dafür, dass auch im kommenden Jahr wieder die Wiesen in goldgelbem Licht erstrahlen werden. Gott ist kein knausriger Kleinkrämer Dass dieser Gott kein knausriger Kleinkrämer ist, zeigt uns auch Jesus. Im Johannesevangelium wird uns berichtet, wie Jesus 600 Liter Wasser in Wein verwandelt. (vgl. Joh 2) Sechshundert Liter köstlichen Wein! Selbst wenn es eine grosse Hochzeit gewesen war, ist zu diesem Zeitpunkt eine solche Menge von Nachschub und von dieser Qualität nur eines: Masslosigkeit! Und im Wunder von der Brotvermehrung werden fünftausend Menschen mit fünf Broten und zwei Fischen gesättigt. Aber nicht genug! Danach wurden noch zwölf Körbe gefüllt mit den Stücken, die übrig blieben. (vgl. Joh 6) Auch hier: Gott gibt also nicht nur reichlich, sondern im Übermass! Gottes Massstab ist nicht 1:1 Gottes Massstab ist also nicht 1:1, sondern heisst Grosszügigkeit. Der Massstab 1:1 dagegen bleibt stehen in unsrem Denken von Leistung und Gegenleistung. Gott aber schenkt umsonst. Sein überschwänglich über alle Massstäbe hinaus ins Übermass reichender Massstab bedeutet: «Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden.» (Lk 6,38) Wenn wir Menschen als Gottes Ebenbild geschaffen sind, dann tragen wir auch Gottes Charaktereigenschaft «Grosszügigkeit» in uns und dürfen daraus leben. Die Frage ist dann einfach: Wie leben wir sie? Sind wir nur uns selbst gegenüber grosszügig oder auch gegenüber anderen? Grosszügig schenken Sicher: ohne Grosszügigkeit uns selbst gegenüber können wir auch andern gegenüber nicht grosszügig sein. Und wie Gottes Übermass nicht Selbstzweck ist, sondern sich verschenkt, darum dürfen, ja sollen wir all das, was uns geschenkt ist, weiterschenken, und zwar grosszügig! Das kann zum Beispiel bedeuten, seine eigenen Interessen hintanstellen und geduldig jemandem seine Zeit schenken. Es kann aber auch bedeuten, immer wieder vergeben und neu anfangen, wenn man verletzt worden ist. Es gibt viele Möglichkeiten, Gottes Grosszügigkeit im Alltag Wirklichkeit werden zu lassen. Tun wir es, auch wenn nicht alle Samen auf fruchtbaren Boden fallen werden! Kloster Baldegg

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