2 Ins Tausendjährige Reich Im Jahre 1933 kam Adolf Hitler in Deutschland an die Macht. An einem heiteren Frühlingstag des Jahres 1934 erblickte ich das Licht der Welt, unser Kirschbaum habe prächtig geblüht, sagte man mir später, und die Glocken läuteten für mich den Angelus; es war elf Uhr. Ich kam in einem Reihenhaus zur Welt, das die SBB an der Bahnlinie gebaut hatte für ihre Angestellten; über die Linie führte eine Brücke zur Fabrik; dort arbeitete mein Vater für die Stromversorgung der Bahnen in der Ostschweiz. Zum Reihenhaus führte eine Naturstrasse, die wir Staubstrasse nannten. Wir gehörten zu einem Weiler mit sieben Häusern, eine halbe Stunde vom Dorf entfernt. In diesem Weiler verbrachten wir unsere Kindertage; von dort ging ich zur Schule, bis dann der Krieg endlich fertig war. Die Nummern 1 – 4 Die Wohnung Nr. 1 im Reihenhaus gehörte einer Familie mit drei Kindern, die älter waren als wir drei und die schon in andere Schulen gingen. Die Familie war katholisch, von einer eher lauen Sorte, würde ich heute sagen, aber sie waren glühende Verehrer des Führers. War eine Hitler-Rede angesagt, schleppten sie ihr übergrosses Radiomöbel auf den Balkon heraus und drehten voll auf. Dann ging mein Vater in seiner gewohnten Ruhe durch unser Haus Nr. 2. Er schloss ein Fenster nach dem andern mit der Bemerkung, er wolle dieses Geschrei nicht hören. Unterdessen schlichen wir Kinder durch den Keller in den Garten und staunten zum andern Balkon hinüber. Das Haus Nr. 3 bewohnten jene, die auch katholisch waren, auch das Tausendjährige Reich erwarteten, aber sie taten dies im Geheimen. Sie erzählten dann später schon von der Hitler-Rede und vor allem erzählten sie von den Kriegserfolgen der Wehrmacht in ganz Europa. Von ihnen habe ich russische Geographie gelernt bis ins Einzelne. Beim planmässigen Rückzug wurden sie dann zusehends stiller. Diese Familie bekam vom Milchmann, der auch ein Nazi war, Milch und Butter ohne Lebensmittelmarken, und er redete lange unter der Haustüre; bei meiner Mutter war er kurz angebunden. Im Haus Nr. 4 wohnte ein Ehepaar; diese beiden kannte ich am wenigsten; ihre Kinder waren schon erwachsen. Den Mann habe ich nie ein Wort reden gehört, aber ich wusste bald, dass mein Vater mit ihm am liebsten zusammen arbeitete. Die Frau war das, was unsere Grossmutter eine ‹Erscheinung› nannte, elegant von Kopf bis Fuss. Sie trug wunderbare Hüte, aparte Strümpfe – so unsere Grossmutter – und Schuhe, wie sie sonst niemand im Reihenhaus kannte. Sie und Er waren bekennende Protestanten, Nazigegner durch und durch. Später fand ich heraus, dass sie mit dem deutschen Widerstand in Verbindung waren. Unser Hitler Auf der andern Seite der Staubstrasse war ein Garten und in dem Garten stand ein Häuschen, das mit zwei kleinen Fenstern zu uns herüber sah, wie wenn es stets lustig zwinkernd uns betrachten wollte. Die Frau des Häuschens hatten wir gern. Sie war gross, mit vollem weissem Haar, ruhigem rundem Gesicht und sie trug lange Röcke. Wir wagten uns zwar nie in ihren prächtigen Blumengarten; sie jedoch kam, so oft sie konnte, an den Zaun und redete lieb mit uns. Grüss dich Werner, sagte sie zu mir; erst jetzt fällt mir auf, dass sie wohl hochdeutsch mit uns sprach. Wir liebten sie. Umso weniger konnten wir verstehen, wie sie es fertig brachte mit einem derart schrecklichen Mann zusammen zu leben. Wir nannten ihn Hitler. Der Mann war in unsern Augen ein Riese, glatzköpfig, mit abstehenden grauen Haarbüscheln um die Ohren, hatte kein Hitler-Schnäuzchen, sondern einen gewaltigen StalinSchnauz. Auf unserer Strassenseite besass er einen mächtig grossen Gemüsegarten; dort war er jederzeit an der Arbeit, uns aber würdigte er keines Blickes. Damals konnte man auf Fahrstrassen noch Fussball spielen. Flog ein übermütiger Ball in sein Revier, erhob er ein Geschrei sondergleichen, rannte mit geschwungener Hacke auf uns los, wir schrien ebenfalls und verstoben auf alle Seiten. Es ging jeweils so zu und her, dass die Frauen vor ihre Haustüren traten. Sein Gartengeschirr mit allem Zubehör versorgte unser Hitler unter der Bahnbrücke; dort war es dunkel und absolut verboten für uns – umso anziehender. Wir Kinder waren uns zudem längst sicher, er stelle dort auch Bomben her, um dann im Ernstfall unsere Wohnungen, eine nach der andern, in die Luft zu sprengen. Wir interessierten uns damals enorm für Bomben. Bildungshaus Stella Matutina P. Werner Hegglin, Dr. phil., Hertenstein
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=