3 Der Schwarzgekleidete Die Bahnbrücke führt hinüber zu noch einem verbotenen Ort für uns, zum Wachthaus, wie es unsere Väter nannten. Es war ein Bretterhaus, so gross, dass ein Mann darin stehen, und so breit, dass er sich bequem hinsetzen konnte. Da stand manchmal ein Schwarzgekleideter mit weisser Armbinde; mit einem altertümlichen Gewehr an der Seite. Er sprach nie mit uns, wenn wir es wagten, uns vor ihn hinzustellen. Am Wachthaus angelehnt stand ein Velo. Wir konnten uns nicht satt sehen, wenn der Wächter wegfuhr: Er stellte einen Schuh auf die seitlich verlängerte Nabe des Hinterrades und schwang sich so vor auf den Sattel. Sensationell! Der geheimnisvolle Schwarzangezogene sei einer von der zivilen Ortswehr, sagte man uns. Das Ende des Tausendjährigen Reiches Mein Vater arbeitete also bei der SBB; deshalb musste er keine langen Aktivdienste leisten. Trotzdem war er zuständig für etwas Militärisches. Damals waren die Bahnbrücken geladen, wie man sagte. Diese Sprengsätze musste mein Vater regelmässig kontrollieren und manchmal, gegen Ende des Krieges, nahm er mich mit. Wir gingen mit dem Velo. Ich sah meinem Vater zu, wie er unter die Brücke hinabkletterte; er wusste, wie mit den Füssen und wie mit den Händen; für mich sah es gefährlich aus. Nach einiger Zeit kam er zurück, ich atmete auf und er ging zur nächsten Stelle. Zwei hohe Brücken hatte er diesmal zu kontrollieren. Als er fertig war, schlug er mir vor, wir könnten miteinander einen kleinen Umweg machen. Es ging steil aufwärts, wir schoben die Räder. Das gab uns Gelegenheit zum Reden. Ich wunderte mich, dass mein Vater begann, ich kannte ihn eher als wortkarg. Er erzählte, es gäbe hier in der Gegend und in unserm Dorf eine schwarze Liste; die Nationalsozialisten wüssten genau, wer entschieden und aktiv gegen sie sei, beim Endsieg müssten diese es dann büssen, sie würden hingerichtet. Ich fragte nach, wer denn ausser ihm noch auf der Liste sei. Da wollte er nicht antworten, nannte mir aber einige im Dorf, die Denunzianten waren, darunter einen Coiffeur, einen Maler und einen deutschen Priester, die ich alle, mindestens dem Namen nach, kannte. Mittlerweile waren wir auf der Höhe angelangt. Mein Vater stellte sein Velo ab und ging einige Schritte in die Wiese hinein; ich tat es ihm nach. Als er stehen blieb, schaute er lange in ein sanftes Tälchen hinein, das sich hier öffnete. Ich wusste nicht, was er wollte. Unvermittelt wandte er sich zu mir und sagte mit mir fremder Stimme:«Hier haben sie Land gekauft. Hier ist das Massengrab. Hier kommen wir hinein». Ich war vor den Kopf geschlagen. Wortlos ging er zurück zur Strasse und ergriff sein Velo. Stehend sagte er: «Fürchte dich nicht! Das kann nicht sein und wird nicht sein». Er schaute mich dabei aus seinen schönen blaugrünen Augen sicher an: «Weil es nicht wahr ist». Da brach das Tausendjährige Reich zusammen. Für immer. Weil es nicht wahr ist. Im Jahre 1933 kam Adolf Hitler in Deutschland an die Macht. An einem heiteren Frühlingstag des Jahres 1934 erblickte ich das Licht der Welt.
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