8 Kloster Baldegg Es war stickig heiss auf dem Dachboden des Pfarrhauses. In unregelmässigen Abständen hüstelte Josef ganz leise. Dann war wieder Ruhe. Einige Minuten später war ein kindliches Glucksen zu hören. «Mama, bitte, kitzle mich nicht!» Maria drehte sich sanft zu ihrem Kind und sagte ganz ruhig: «Niemand, mein Kleiner, kitzelt dich, schlaf weiter!» Doch an Schlaf war bei dieser Hitze nicht zu denken und alle lagen in der Kiste wach. Kein Lüftchen war zu spüren und der Deckel der Kiste lag fest verschlossen. «Ruhe!», polterte es nach einiger Zeit. Es war der Esel. Der Ochs pflichtete ihm bei. Das Jesuskind konnte nicht aufhören zu lachen. Inzwischen juckten Arme und Beine und auch zwischen den Zehen war es kitzlig geworden. Maria seufzte. Sie wusste, der Sommer war lang und bei diesen Temperaturen war es in der Kiste fast nicht auszuhalten. Plötzlich knarrte es auf dem Dachboden. In der Kiste hielten alle den Atem an. Fräulein Fuchs, die Haushälterin von Don Emilio, machte sich an der Kiste zu schaffen. Der Deckel sprang auf und ein Hauch frischer Luft wehte allen um Sommerpause Marianne Erne, Staufen die Nase. Klara Fuchs stöberte zwischen den Figuren, fasste nach den Schafen, drehte die heiligen drei Könige auf den Rücken und reichte Sophie den Stern von Bethlehem und die Krippe. «So», sagte sie bestimmt. «Der Stern von Bethlehem muss neu vergoldet werden und Opa Hugo soll die Krippe flicken. Sie ist seit Jahren schief und wackelig.» Der Sommer war die ideale Zeit für solche Arbeiten. «Darf ich …?» Ohne ein Ja von Fräulein Fuchs abzuwarten, fasste Sophie in die Kiste. Sie zog Josef in die Höhe, der durch das Gewühl kräftig Boden unter den Füssen verloren hatte. Maria war kopfüber geraten. Sophie streichelte die Figuren liebevoll. Dann entdeckte sie das Christkind. «Darf ich ...?» Fräulein Fuchs lächelte und erlaubte es. Sophie nahm das Christkind aus der Truhe. Sie sah es sofort. Die Krippenfigur war mit kleinen Punkten übersät. Es sah aus, wie wenn das Kindlein Windpocken hätte. Fräulein Fuchs stiess einen spitzen Seufzer aus: «Um Himmelswillen, der Kleine hat den Holzwurm!» Jetzt war der Heiligen Familie in der Kiste klar, weshalb dem Kleinen so kitzlig geworden war. Der Holzwurm war weltweit eine gefürchtete Krankheit bei Krippenfiguren. Klara Fuchs und Sophie untersuchten das Jesuskindlein eine Weile. Dann beschlossen sie, die Kiste in die Stube zu tragen. Fräulein Fuchs wollte alle Krippenfiguren ganz genau kontrollieren. Nötigenfalls musste man nebst dem Christkind auch noch andere Familienmitglieder in Quarantäne stecken, denn der Holzwurm war eine sehr ansteckende Krankheit. In der Stube sassen Don Emilio und Opa Hugo bei einem Glas Wein und spielten Schach. Das taten die beiden wöchentlich einmal. Sophie begleitete ihren Opa oft zum Schachspiel. Das war auch heute so gewesen als sie den Holzwurm entdeckt hatte. Zu viert prüften sie nun mit strengem Blick alle Figuren. Das Schachspiel musste warten. Bald war klar, es hatte nur den Kleinen erwischt. Opa Hugo bot an, sich um die schiefe Krippe und das Christkind zu kümmern. «Keine Sorge Don Emilio, bis Heilig Abend wird der Kleine wieder zur Familie heimkehren und in der Krippe liegen, wie wenn nie etwas gewesen wäre. Verlass dich auf mich!» Die nachmittägliche helle Aufregung legte sich im Pfarrhaus, nicht aber in der Truhe. Ochs und Esel hätten nun auch gerne den Holzwurm gehabt. Es schien ihnen verlockend zu Opa Hugo nach Hause zu dürfen. Ein ganz klein wenig neidisch waren sie schon. Josef und Maria waren besorgt. Aber die Hirten strahlten grosse Zuversicht aus, dass der Kleine pünktlich an Weihnachten in der Krippe liegen würde. Inzwischen servierte Fräulein Fuchs einen wunderbaren Kuchen zu starkem Espresso. Dann packte sie das Kindlein, den Stern von Bethlehem und die Krippe in feines weiches Seidenpapier. Den
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