baldeggerjournal

9 Stern legte sie beiseite, die andern Päckchen übergab sie Sophie. Gemeinsam mit Opa Hugo machte sich Sophie auf den Heimweg. Oma Lilli war im Garten und schwatzte mit Mama. Sophie rief schon von weit her: «Mama, Oma Lilli, das Christkind hat Holzwurm und Opa Hugo darf es flicken!» Mama kriegte rote Ohren wegen Sophie und Oma Lilli meinte freundlich, aber sehr bestimmt: «Erzähl nicht solchen Unsinn, Kind!» Opa Hugo und Sophie gingen ohne Widerrede in die Werkstatt. Dort legten sie das Jesuskindlein in die wacklige Krippe. Es warteten bereits ein Holztraktor und Max, der Gartenzwerg, auf die Reparaturkünste von Opa Hugo. In den nächsten Wochen hatte Opa Hugo viel zu tun im Friseursalon und er vergass den Kleinen in der Werkstatt. Sophie schaute täglich nach dem Christkind. Sie hatte bei Schreinermeister Müller heimlich ein Mittel gegen Holzwurm gekauft. Der Sommer ging vorüber. Der Herbst kam früh dieses Jahr und bald war es Winter. Inzwischen schlief das Kindlein wieder selig, der Holzwurm war besiegt. Max, der Gartenzwerg und das Christkind warteten geduldig auf die Restaurierung. Zur Nikolauszeit entdeckte Opa Hugo die Krippe mit dem Jesuskind wieder. Nun musste er sich sputen, dass der Kleine an Weihnachten in vollem Glanz erstrahlen konnte. Die Arbeit würde dauern. Nach einer kräftigen Dusche mit Holzschutzmittel musste die Krippenfigur erst getrocknet werden, bevor Opa Hugo mit der Schleifmaschine anrücken konnte. Bald war ihm klar, dass er zu viel Holz wegschmirgeln musste damit die Löcher der Holzwürmer verschwinden würden. Er entschied, die Löchlein in mühseliger Arbeit einzeln mit ganz feinem Holzstaub zu stopfen. Opa Hugo blieben noch acht Tage bis Heiligabend. Der Kopf, der Bauch und die Arme des Christkindes waren geflickt am Tag vor Heiligabend. Opa Hugo wusste, er würde es nicht schaffen. Sophie sah die Katastrophe seit Wochen auf Opa Hugo und die Familie zukommen. Kurz vor Weihnachten bestürmte sie die Handarbeitslehrerin der Schule. Sophie wollte unbedingt Strumpfhosen für eine ihrer Puppen stricken. Frau Wütherich, die Sophie im Unterricht nie als talentierte Strickerin wahrgenommen hatte, war verwundert, doch erfreut und half gerne. Sie schlug Sophie rosa Wolle vor. Sophie lehnte kategorisch ab und borgte sich bei Oma Lilli einen Knäuel hellbraunes Garn. Dann begann sie zu nadeln. Am Morgen des 24. Dezembers gingen Opa Hugo und Sophie ins Pfarrhaus. Opa Hugo war zerknirscht. Noch am Vorabend hatte er den Kleinen in seidiges Papier gelegt. Er mochte ihn mit wurmstichigen Beinen nicht mehr sehen. Don Emilio würde enttäuscht sein, ebenso Fräulein Fuchs. In der Kirche war Hochbetrieb. Don Emilio, Fräulein Fuchs und Küster Hans warteten schon auf Opa Hugo mit dem Christkind. «Und – wie ist es geworden», schallte Don Emilios Stimme durch das Kirchenschiff. Opa Hugo druckste ein wenig herum, dann sagte er kleinlaut: «Der Kopf, die Arme und der Bauch sind schön geworden, die Beine sind… ähm», und wie er das Kindlein aus dem Papier wickelte, sah er die Überraschung. Der Kleine trug Strumpfhosen und Fräulein Fuchs sagte tonlos: «Oh, nein!» Nun trat Sophie auf den Plan. Mutig schritt sie zu den Krippenfiguren, die bereits im Chor vorne standen und stellte die Krippe zu Maria und Josef. Dann legte sie das Christkind hinein und bedeckte die Beine ein wenig mit Stroh. «Schaut her», rief sie, «wie sich die Heilige Familie über das Kind freut.» Dann sagte sie noch: «Es war eine strenge Arbeit diese Strumpfhose zu stricken.» Don Emilio fasste sich als Erster. Er bedankte sich bei Sophie, trat einen Schritt zurück, bestaunte das Werk aufs Neue und sagte mit tiefer Bassstimme sehr bestimmt: «Fräulein Fuchs, hier wird nichts mehr angerührt. Es ist perfekt. Ich wünsche fröhliche Weihnachten!» Marianne Erne ist Redaktorin im Bereich Volkskultur beim Schweizer Fernsehen. In der Sendung «himmelreichschweiz – kloster» war sie verantwortlich für Buch und Regie des Films über das Kloster Baldegg. Seither ist sie mit dem Kloster Baldegg befreundet.

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