14 Kloster Baldegg Vor Jahren waren mein Mann und ich auf einem Trecking in der Wildnis der Kanadischen Rocky Mountains. Auf Pferderücken ging es achtzehn Tage lang über mehrere Pässe, durch Flüsse und durch endlose Wälder. Wir schliefen in kleinen Zelten, sassen am Boden ums Lagerfeuer und wuschen uns mit eiskaltem Wasser. Nur fürs Zähneputzen konnten wir das restliche Teewasser aus dem eisernen Kessel benutzen. Am ersten Tag meinten wir einen Bären vor dem Zelt zu hören, aber es war nur der Hund, der uns auf dem Ritt begleitete; in der Stille der Einsamkeit tönte sein Schnauben laut und bedrohlich. Und nun entdeckte ich auch, warum Winnetou so gut gehört hatte: wenn am Morgen unsere Pferde zusammengetrieben wurden und im Galopp zu den Zelten zurückkehrten, konnte man sie schon lange im Voraus hören und das Vibrieren des Waldbodens wahrnehmen. Während der ganzen Zeit benutzten wir, von den Taschenlampen abgesehen, kein elektrisches Licht. Die Sterne des Nachthimmels und die helle breite Milchstrasse leuchteten wie nie zuvor. Wir waren weit weg von Hektik und Lärm der Zivilisation. Und natürlich auch von ihren Annehmlichkeiten. Das fiel uns erst auf, als wir wieder auf einem richtigen Stuhl sitzen, in einem Bett schlafen und fliessendes Wasser benützen konnten ... Der Blick zurück liess uns unsern Alltag anders sehen; eine gewisse Wehmut blieb. Ganz anders die Reise nach Tschernigow im Norden der Ukraine: Unweit von Tschernobyl sollte ich einer Gruppe von Frauen, die zu unserm weltweiten Frauennetzwerk gehören, einen Workshop geben. Auf dem Weg von Kiew nach Tschernigow fühlte ich mich zurück versetzt in die Zeiten von Tolstoi, Gogol, Dostojewski und andern grossen russischen Dichtern. (Die Ukraine gehörte bis zum Zerfall der Sowjetunion zur UDSSR.) Wir fuhren vorbei an kleinen Holzhäusern, die aus unserer Sicht kaum bewohnbar waren. Eine Kuh war am Strassenrand angebunden, und ältere Bauern verkauften aus kleinen Körben Kartoffeln an die Vorbeifahrenden. Mehrmals begegneten wir Holzkarren, die von einem Pferd an einem Holzjoch gezogen wurden. An den unbefestigten, erdigen Seitenstrassen der Stadt standen kleine braune, rote oder weisse einstöckige Holzhäuser, die von blühenden Bäumen umgeben waren. Hier fand man keinen Reichtum, keinen Überfluss, aber grosse Gastfreundschaft und HerzHeimkehren geht nicht ohne Weggehen Marianne Plattner, Binningen Marianne Plattner absolvierte von 1963 bis 1966 das Hauswirtschaftslehrerinnen-Seminar in Baldegg. Nach ihrer Schultätigkeit und verschiedenen Aus- und Weiterbildungen führte sie eine eigene Beratungsfirma für Organisationsentwicklung. Ihre Sprachbegabung – sie spricht nebst Deutsch und Englisch auch Französisch, Spanisch, Russisch, Japanisch – setzt sie nun besonders auch ein als Vorstandsmitglied der Task Force Mentoring für BPW (Business & Professional Women) Europa. Für das Kloster Baldegg ist sie seit acht Jahren immer wieder beratend tätig. lichkeit … Wieder zu Hause, sann ich nach über unsern Reichtum, unsere perfekten Strassenzüge, die Grafittis der Unzufriedenen und ihre Suche nach dem Sinn des Lebens. Und ich muss zugeben, ich genoss auch unsere schöne Wohnung, das abwechslungsreiche Essen, obwohl mir die täglichen Kohlsalate und das Bemühen, aus dem Wenigen dem Gast etwas Schmackhaftes vorzusetzen, noch lange in Erinnerung bleiben werden. Heimkehren heisst auch, auspacken, Wäsche waschen, sich im Alltag wieder zurechtfinden. Dankbar sein für das Erlebte. Und die Erinnerungen? Sie sind das schönste Geschenk, das wir nach Hause bringen. Durch sie hat sich unser Leben wieder etwas verändert. Heimkehren ist die Schnittstelle zwischen Fort-Sein und Zuhause-Sein. Zwischen Neuerlebtem und Altbekanntem. Lebensepisoden
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