baldeggerjournal

2 Hinschauen – kritisch bedacht, geistlich vertieft Liebe Leserin Lieber Leser Hinschauen ist eine besondere Form des Schauens. Das Wort schauen hat drei Bedeutungen. Erstens bezeichnet es die Tätigkeit des Auges. Zweitens bedeutet es sorgen. Ich schaue zur Milch auf dem Kochherd. Damit sorge ich dafür, dass sie – kochend – nicht überläuft. Drittens sprechen wir vom Schauen auch im geistigen Sinne. Wir sagen in einer Diskussion: «Das ist Anschauungssache.» Damit behaupten wir, es komme darauf an, aus welchem Gesichtswinkel man eine Angelegenheit betrachtet. Die Gesamtheit dieser Anschauungen ist die Weltanschauung als Weltsicht und Weltdeutung aus einem bestimmten Gesichtswinkel. Zum Wort Schauen gehören Wörter wie anschaulich, beschaulich und Anschauung. Anschaulich ist mehr als sichtbar. Den Unterschied könnten wir vielleicht so ausdrücken: Das Auge sieht, der Mensch schaut. Das eine ist der Sehvorgang, das andere das ganzheitliche Beteiligtsein. Bei beschaulich denken wir allenfalls an die anschaulichen Klöster und damit an die klösterlichen Gemeinschaften, die sich vor allem der Kontemplation, der Beschauung widmen. Die Unterscheidung zwischen dem leiblichen Auge, das die Dinge und Geschehnisse der Welt sieht, und dem geistigen Auge, für welches das Sichtbare anschaulich wird, ist besonders für den Bereich des Religiösen und des Glaubens bedeutsam. Nach dem Zeugnis der Bibel besteht die Glückseligkeit, die uns vollendet, in der Anschauung Gottes. Jesus verheisst, dass «die, die reinen Herzens sind, Gott schauen werden» (Mt 5,6). Wir werden Gott schauen «von Angesicht zu Angesicht», sagt Paulus (1Kor 13,12). Wir werden «ihn sehen, wie er ist», steht im ersten Johannesbrief (1Joh3,2). Der Unterschied zwischen Schauen und Hinschauen wird uns deutlich, wenn wir einen Aussichtsturm besteigen, den wir gerne als Schau-ins-Land bezeichnen. Darum blicken wir in die Weite und Runde. Wir schauen. Dann aber möchten wir sehen, wo wir zuhause sind. Nun schauen wir in eine bestimmte Richtung und suchen unser Dorf und vielleicht sogar das eigene Haus. Jetzt schauen wir hin. Auf dem Aussichtsturm der Welt sind wir heute in Gefahr, nur noch flüchtig in die Runde zu schauen und nicht mehr genau hinzusehen. Flüchtigen Blickes werden wir selber flüchtig. Was sollten wir beherzigen, um dieser Gefahr zu begegnen? Hinschauen wie die Kinder Für Kinder ist die schöne Aussicht noch zu gross. Noch nicht zu voller Grösse herangewachsen, sind sie dem Boden nahe. Sie schauen nicht himmelwärts in die Weite, dafür bemerken sie die Schlüsselblume, die am Wegrand blüht. Dort krabbelt ein Marienkäferchen über das grüne Blatt. Hier krümmt sich eine grüne Raupe am Boden. Kinder schauen noch hin – offenen Auges und wachen Herzens. Sie können noch staunen über die Wunder ihrer kleinen kindlichen Welt. Darum sollte, wer verlernt hat hinzuschauen, wieder einmal mit Kindern spazieren gehen. Bei Kindern und mit Kindern lernen wir hinzuschauen. Hinschauen mit Andacht Nach dem Spaziergang kommt das Wandern. Einstmals haben wir Geibels Lied gesungen: «Wer recht in Freuden wandern will». Wandernd schauen wir hin, und siehe da: Die geschaute Welt wird zum Gleichnis. Der morgenfrische Wald ist «kirchenstill» und «im hohen Gras der Bach singt leise den Morgensegen.» Die erwanderte Welt wird gleichnishaft zur Weltanschauung: «Die ganze Welt ist wie ein Buch, / darin uns aufgeschrieben / in bunten Zeilen manch ein Spruch, / wie Gott uns treu geblieben, / Wald und Blumen, nah und fern, / und der helle Morgenstern / sind Zeugen von seinem Lieben.» Wir schauen hin, aber sind ganz da und bei uns. «Da zieht die Andacht wie ein Hauch / durch alle Sinnen leise …» 1 Wer hinschaut, wird nachdenklich. Nachdenkend werden wir andächtig. Die Welt ist ein Andachtsbuch, meint Geibel. Umgekehrt ist das Andachtsbuch der Bibel eine Welt. Wir sollten sie so welthaft lesen, dass die Lilien des Feldes zu blühen und die Vögel des Himmels zu pfeifen beginnen. Von dieser anschaulichen Bibel Kloster Baldegg Dr. P. Albert Ziegler SJ, Zürich

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