baldeggerjournal

3 her sollten wir auch den Gottesdienst so anschaulich feiern, dass wir Jesus mitten unter uns wissen und die mitfeiernden Menschen als Schwestern und Brüder im Herrn erfahren. Solche Anschaulichkeit ist freilich etwas anderes als die Show einer modischen Event-Kultur. In solchem andächtigen Hinschauen werden wir dem Herrn auch persönlich begegnen. Er spricht uns an; und wir dürfen fragen: «Herr, was willst du, dass ich tun soll?» Hinschauen – wie Anne Frank Zum Dichter und zur Bibel gesellt sich der Philosoph. Für Josef Pieper führt das Hinschauen zur Anschauung oder Kontemplation. Er schreibt: «Ich meine die sinnfälligen Dinge und das Sehen mit den Augen, aber auch das Hören, das Riechen und Schmecken, jede Art der Erfassung, vor allem das Sehen. Wie herrlich ist das Wasser, Rose, Baum, Apfel, Menschenantlitz! – so etwas pflegt wachen Herzens nicht gesagt zu werden, ohne dass darin zugleich ein Gran von einer Zustimmung wäre, die über das zunächst Gemeinte und Gepriesene hinausgreift und den Ursprung der Welt im Ganzen berührt. Wer hätte noch nie, mitten aus der werktäglichen Plage unversehens seinem fragenden Kinde ins Gesicht schauend, im gleichen Augenblicke ‚gesehen‘, dass alles, was ist, gut ist, geliebt und liebenswert, gottgeliebt! Das aber ist, im genauen Sinn, Kontemplation.» Was Pieper beschreibt, bezeugt die 15-jährige Anne Frank in ihrem Tagebuch. Sie steigt am 23. Februar 1944 aus ihrem Hinterhofversteck auf den Dachboden. «Ich schaute aus dem offenen Fenster über ein grosses Stück Amsterdam, über alle Dächer, bis an den Horizont, der so hellblau war, dass man ihn kaum mehr sehen konnte. ‚Solange es das noch gibt‘, dachte ich, ‚und ich es erleben darf, diesen Sonnenschein, diesen Himmel, an dem keine Wolke ist, so lange kann ich nicht traurig sein.‘ Für jeden, der Angst hat, einsam oder unglücklich ist, ist es bestimmt das beste Mittel, hinauszugehen, irgendwohin, wo er ganz allein ist, allein mit dem Himmel, der Natur und Gott. Dann erst, nur dann, fühlt man, dass alles so ist, wie es sein soll, und dass Gott die Menschen in der einfachen und schönen Natur glücklich sehen will.» Zwei Wochen später, am 7. März, schreibt Anne Frank: Abends, wenn ich im Bett liege und mein Gebet mit den Worten beende: «Ich danke dir für all das Gute und Liebe und Schöne», dann jubelt es in mir. Dann denke ich nicht an das Elend, sondern an das Schöne, das noch immer übrig bleibt. Hier liegt zu einem grossen Teil der Unterschied zwischen Mutter und mir. Ihr Rat bei Schwermut ist: «Denke an all das Elend in der Welt und sei froh, dass Du das nicht erlebst.» Mein Rat ist: «Geh hinaus in die Felder, die Natur und die Sonne. Geh hinaus und versuche, das Glück in Dir selbst zurückzufinden. Denke an all das Schöne, das noch in Dir und um Dich ist, und sei glücklich!» Meiner Meinung nach kann Mutters Satz nicht stimmen, denn was tust Du dann, wenn Du das Elend doch erlebst? Dann bist Du verloren. Ich hingegen finde, dass noch bei jedem Kummer etwas Schönes übrigbleibt. Wenn man das betrachtet, entdeckt man immer mehr Freude, und man wird wieder ausgeglichen. Und wer glücklich ist, wird auch andere glücklich machen. Wer Mut und Vertrauen hat, wird im Unglück nicht untergehen! Ich habe diese Worte oft gelesen und auch vorgelesen. Dabei ergriff mich und ergreift mich auch jetzt die Scham. Es ist die Scham über die Grösse eines jungen Menschen, dem nur noch ein kurzes Leben vergönnt und ein unbeschreibbar bitteres Ende beschieden war. Es ist die Scham über die eigene Engherzigkeit, Fortsetzung auf Seite 4

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