4 Kloster Baldegg Was Augen nicht sehen, aber schauen ... «Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn.» Solche und ähnliche Melodien begleiten mich jeweils, wenn ich im Rahmen meiner Exerzitien in Baldegg bei schönstem Frühlingswetter die ausgedehnten Spaziergänge durch Wald und Flur geniesse. Letztes Mal dachte ich über meine Vergangenheit nach. Während 33 Jahren leitete ich die Schule für blinde und sehbehinderte Kinder, bis 1981 in Freiburg, nachher im Sonnenberg in Baar. So schaute ich vor mich hin und die vergangenen Alltage traten mehr oder weniger kontrastreich vor meine Augen. Als Schulleiterin hatte ich mich den Entwicklungen zu stellen und musste auf die Bedürfnisse der Zeit reagieren. Deshalb schaute ich jeweils genau hin, dachte sorgfältig nach, bis ein neuer Entwicklungsstein auf den andern gelegt werden konnte. In solchen Momenten des Hinschauens spürte ich die besondere Verantwortung für junge Menschen, die trotz einer Behinderung das Leben zu meistern haben. Das Hinschauen spielte somit in meinem Leben eine wichtige Rolle. Die besondere Herausforderung stellte einerseits die Vielschichtigkeit der Behinderung dar, anderseits die jungen Menschen, die als Individuum und als Persönlichkeit ernst genommen werden wollten. Dazu kamen die Lehr- und Fachpersonen, die engagiert waren, Ideen hatten und von der Schulleiterin Respekt und Unterstützung erwarteten. Ich schaute immer genau hin, wenn ich Zusammenhänge erfahren, Hintergründe entdecken und das So-Sein all dieser Menschen verstehen wollte. Ich bin nicht mit Argus-Augen durch die Schulhausgänge marschiert. Nein, ich bin mit meinem inneren Auge den Situationen begegnet, wollte verstehen, wollte hören um richtig argumentieren zu können. Somit hat für mich «Schauen – Hinschauen» weniger mit den physischen Augen zu tun als mit Wahrnehmen, Spüren, Erahnen, Erkennen usw. So in Gedanken versunken wanderte ich durch die Gegend, die sich in ihrer Blütenpracht einzigartig präsentierte. Ein zufriedenes und dankbares Gefühl umhüllte mich: ich durfte damals eine gut funktionierende Schule in andere Hände geben, eine Schule, die 1925 von Baldegger Schwestern übernommen und bis 2008 geleitet wurde. War es wohl Zufall, dass ich auf meiner Wanderung dem blinden Musiker Hansburkard Meier und seiner Frau Maja begegnete? Wir begrüssten uns als alte Bekannte und freuten uns. Er wie ich dürfen auf ein bewegtes Leben in leitender Stellung zurückblicken: er als Projektleiter beim Aufbau einer Schule für Blinde in Abidjan und ich als Schulleiterin in der Schule für Sehbehinderte und Blinde in Baar. Es blieb nicht viel Zeit, uns bei dieser Begegnung zu unterhalten. Ich erfuhr zuerst die Neuigkeit, dass Herr und Frau Meier nun eine Wohnung in der Klosterherberge in Baldegg bezogen hatten. Dort trafen wir uns später zu einem längeren Gespräch. Herr Meier erzählte mir, wie er von der Caritas angefragt wurde, ob er jemanden wüsste, der in der Lage wäre, das Projekt Abidjan anzupacken. Er überlegte nicht Sr. Boriska Winiger, Baar Pater Ziegler schreibt an die Redaktion des BaldeggerJournals: Mein Büro ist gegenwärtig verwaist. Der Kopierer hat keine Farbe mehr. Da kann man dann hinschauen. Es ist kein Schauen mehr. Ich habe dreimal zum versprochenen Beitrag angesetzt. Aber auch die dritte Fassung scheint noch zu kurz geraten. Darum lege ich noch zwei Texte aus dem Tagebuch von Anne Frank bei. Man könnte je nach Bedarf den einen oder andern Satz einschieben. Taugt mein Text überhaupt nicht, dann schauen Sie nicht hin, sondern werfen Sie ihn fort. Ich selber lebe immer mehr auf Zusehen hin und damit bis auf Weiteres. Diese schweizerische Redensart könnte das Hinschauen ergänzen. Wenn wir sorgsam hinschauen, können wir es uns auch leisten, zuzusehen, abzuwarten und (nicht nur) Tee zu trinken. Gerade war ich bei den Marketingstudenten von Worms in Fréjus. Die überwiegende Mehrzahl waren Studentinnen. Welch ein Trost, wenn man auch einfach zuschauen darf, wie es die Jungen machen. Und welche Freude, wenn sie einem sogar noch zuhören … Ich freue mich auf das kommende Heft und werde auch dann genau hinschauen, wenn mein unbrauchbarer Beitrag im geduldigen Papierkorb eine wohlverdiente Heimat gefunden haben sollte. In dieser Hinsicht und in vielen andern Sichten bin und bleibe ich dankbar Ihr P. Albert Ziegler die so vieles schauen darf, aber verlernt hat hinzuschauen. Doch alle Beschämung endet in der dankbaren Überzeugung, dass auch Anne Frank gefunden hat, was sie hinschauend zu sehen und zu ahnen vermochte. Die Ahnung von Amsterdam hat sich auch für Anne Frank erfüllt in der Anschauung Gottes, in dessen Geheimnis alle ungelösten Fragen beseligend beantwortet sind. 1 Josef Pieper, Glück und Kontemplation, in Josef Pieper Werke 6 (Hamburg 1999) 201f 2 Anne Frank, Tagebuch (Frankfurt am Main 1999) 192 Fortsetzung von Seite 3
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