5 lange und meinte, dass er doch selber so was unternehmen könnte. «Aus Dankbarkeit» wie er sagt, weil er als Blinder in seinem Leben Glück hatte und sich entfalten konnte. Seine Frau Maja erklärte sich sofort einverstanden und brachte als sehende Frau die notwendige Motivation und Begeisterung ein. Für die Familie Meier bedeutete das Unternehmen ein grosses Wagnis, zumal ihr Sohn damals erst drei Jahre alt war. Mit Rosmarie und Fritz Steiner, einem erfahrenen LehrerEhepaar, bereitete sich das Team für diesen Einsatz vor. Ich wollte von Herrn Meier mehr wissen und stellte ihm gezielte Fragen. Herr Meier, als Projektleiter muss man Überblick haben. Wie haben Sie sich diesen Überblick jeweils verschafft? Für mich ist das Gespräch das Wesentliche. Die Sehenden wissen oft gar nicht, wieviel sie mit ihrer Stimme auszudrücken vermögen. Mit Herrn Steiner, meinem Mitarbeiter, diskutierte ich jeden Abend ausgiebig, und wir genossen dabei ein feines Bier. Er war Schulleiter und auch für die spezifische Ausbildung der Lehrpersonen zuständig. In Afrika gilt der Blinde als nutzloses Glied der Gesellschaft, Kinder werden vernachlässigt. Die Behinderten fristen ein himmeltrauriges Dasein. Wir waren vor grosse Probleme gestellt, die ein genaues Hinschauen verlangten. Es kamen nicht zuerst die Kinder, sondern Späterblindete, welche nach einer Ausbildung verlangten. Mein Hinschauen forderte mich zum Umstellen heraus. Ich habe diese Ausbildung persönlich übernommen, habe sie zu Telefonisten ausgebildet. Diese frisch ausgebildeten Blinden fanden anschliessend Arbeit, z.B als Telefonisten in der Universität und in grossen Firmen. Beim Blindenschrift lesen hat man den Überblick nicht. Da leide ich darunter. Gerade in der Musik muss ich die Takte zusammensetzen und alles in meinem Gedächtnis speichern. Das ist harte Arbeit. Es braucht auch Durchblick. Was hat Ihnen zu diesem Durchblick verholfen? (Herr Meier lacht) Sie schauen, ich höre. Durchblick bekommt man durch das Gehör. Ich war ja Lehrer am Lehrerseminar in Hitzkirch; will zwar nicht prahlen; aber meine Kollegen sagten oft: Derjenige am meisten sieht, ist Herr Meier. Eine kleine Episode bei der Begegnung mit Madame Présidente in Abidjan: Fritz Steiner und ich sassen im Wartezimmer. Da kam jemand herein und schimpfte kräftig drauflos. Ich konnte die Dame ja nicht sehen und glaubte, das sei eine Haushälterin, die etwas zu organisieren hätte und sich dabei mächtig ärgern würde, also eine Angestellte im Hause des Präsidenten. Mein Begleiter, Herr Steiner, erkannte sie und flüsterte mir dann die Wahrheit zu. Peinliche Situation! Hier fehlte mir wirklich der Durchblick. Wie ist Ihnen der Einblick in die Abläufe gelungen? Ich bin mit offenen Ohren durch die Welt, durch mein Arbeitsgebiet, gegangen. Meine Frau, die als Ökonomin und Sekretärin in Abidjan arbeitete und viel Verantwortung übernommen hatte, nahm natürlich auch viel wahr, das wir jeweils miteinander besprachen. Als Projektleiter muss man vorausschauen können, einen Ausblick haben. Wie sind Sie jeweils hier vorgegangen? Ich bin regelmässig mit einem Chauffeur losgefahren und habe wiederum durch Gespräche reale Einblicke gewonnen. Jeden Samstag hatte ich ein Gespräch mit dem Directeur des Affaires Sociales. Dabei habe ich rapportiert; wir haben Bedürfnisse abgeklärt. Dieser Mann hat mich immer sehr unterstützt. Wenn ich ein Anliegen vorbrachte, griff er sofort zum Telefon und baute so wichtige Beziehungen auf. Meine Stärke: Ich konnte mit meiner eigenen Person überzeugen. Ich war akzeptiert und habe durch meine persönliche Betroffenheit bewiesen, dass Blinde in der Lage sind zu lernen und einen Beruf ausüben können. Sr. Boriska Winiger, Hansburkard Meier, Maja Meier-Ming
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=