baldeggerjournal

6 Kloster Baldegg Man muss Zusammenhänge sehen und die vielen Details zu einem Ganzen zusammenfügen können. Wie ist Ihnen das gelungen? Wir waren gut vernetzt und mussten improvisieren können. Bei wichtigen Fragen und Entscheidungen ging es immer um ein Entweder-oder. Ich wusste aber, ich kämpfe für eine gute Sache. Haben Sie auch manchmal etwas übersehen können? Ich sage: Überhören! Ja, natürlich. Wenn man viel improvisieren muss, geht es nicht anders. Wenn man zu perfektionistisch ist, wirkt man schnell als Bremse. «Ab und zu ein Auge zudrücken» muss man immer. Frau Meier, wie haben Sie sich als sehende Frau einbringen können? Welches war Ihre Rolle? Da ich vor der Geburt unseres Sohnes immer berufstätig war, konnte ich mich mit den Plänen meines Mannes gut identifizieren. Ich war früher Sekretärin des Baudirektors in Luzern und habe später das Sekretariat im Lehrerseminar Hitzkirch aufgebaut. In Abidjan amtete ich als Sekretärin und Ökonomin und habe meinen Mann fast überall hin begleitet. Ich hatte immer grosses Vertrauen in meinen Mann und mich nur dort eingebracht, wo es wichtig war und ich das sogenannte Auge für Baldegger Schwestern wirken seit 1925 im «Sonnenberg», der bis 1981 in Fribourg war und seither im zugerischen Baar ansässig ist. Heute versteht sich die damalige Blindenschule «Sonnenberg» als Heilpädagogisches Schul- und Beratungszentrum Sehen Sprechen Begegnen. Sr. Boriska lebt mit vier weitern Baldegger Schwestern im «Sonnenberg». Zusammen mit Sr. Jeannine Balmer leitet sie heute das Medienzentrum im Sonnenberg. ihn darstellte. Wir haben uns wunderbar ergänzt. Ich erteilte in der Schule auch Schreibmaschinenunterricht. Wenn ich die Einsätze in Afrika nicht erlebt hätte, müsste ich sagen: Das Leben ist an mir vorbeigegangen. Herr Meier, jetzt sind Sie pensioniert und können auf diese Zeit zurückblicken. Sie halten Rückblick. Wie sehen Sie das jetzt? Ich bin froh, dass ich nicht 60 Jahre jünger bin. Seit meinem Schulaustritt 1941 ist eine unvorstellbare Entwicklung geschehen. Ich hatte Glück, am Lehrerseminar unterrichten zu dürfen. Für mich als blinder Musiklehrer war das ein idealer Arbeitsplatz. Einerseits unterrichtete ich Anfänger, anderseits wurde ich herausgefordert durch musikalisch begabte Schüler. Dieser heterogenen Schülerschar konnte ich also gut gerecht werden. Heute sind die Ansprüche an einen Studierenden viel grösser. Ich weiss nicht, ob ich als Sehender so viel erreicht hätte wie als Blinder. Ich will die Behinderung nicht schön reden, aber ich fand viel Beachtung und Unterstützung. Nachdem wir 1977 die Blindenschule in Abidjan verlassen hatten, wurde sie vom Staat weitergeführt. Sie hat aber unter den bürgerkriegsähnlichen Wirren sehr gelitten und ist kürzlich ausgeraubt worden. Aus meiner Sicht ist es auch heute noch durchaus möglich, als Blinder so ein Projekt wie in Abidjan in Angriff zu nehmen. Als nichtsehender Mensch mussten Sie enorme Anstrengungen in jeder Hinsicht bewältigen. Ist das so? Man schätzt Sie locker zehn Jahre jünger! Die Musik hält mich jung; solange ich mich auf Konzerte vorbereiten kann, übe ich täglich. Dann stehen immer Marschieren und Lesen auf dem Tagesprogramm. Ich brauche Kontakte, bin extravertiert, absolut kein Philosoph. Das Gespräch mit Herrn Meier, der als blinder Musiker junge Menschen unterrichtete, in der Dritten Welt ein Projekt leitete und sich auch sonst vielseitig engagierte, hat mir gezeigt, dass Hinschauen eine Gabe ist, die man hat, ob das physische Auge in Ordnung ist oder nicht. Es ist eine Gabe des Herzens, die ihren Ursprung im Glauben an das Ewige hat.

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