baldeggerjournal

7 ... das Geschaute fassen Ich besitze eine weisse Postkarte und darin ein gestanztes Loch in Form eines Pfeils. Dieses «Bild» hat mich schon oft zu Sehübungen angeregt. Das Loch gibt den Ort der Aufmerksamkeit vor und eröffnet gleichzeitig den Durchblick auf eine andere Wirklichkeit. Der Pfeil hat eine bestimmte Lage und gibt dadurch die Ausrichtung an. Wenn ich hindurch schaue, werde ich auf Anderes, vielleicht auf Neues aufmerksam oder ich kann damit selber auf etwas mir Wichtiges aufmerksam machen. Das Sehen kann zum Schauen führen und wie Br. David Steindl-Rast es ausdrückt: »Die Sinnschau des Herzens beginnt mit dem genauen Hinschauen der Augen.» Übung 1: Beobachten, differenzieren Eine weisse Postkarte nehmen und mit dem Bürolocher in der Mitte ein Loch ausstanzen. Dann die Welt durch dieses Loch hindurch betrachten: Die Aufmerksamkeit auf verschiedene Gegenstände lenken, genauer hinsehen und benennen, was das Auge wahrnimmt. Die Karte auf einen Gegenstand, ein Zeitungsblatt usw. legen und den Lochausschnitt anschauen: Farben, Formen, Richtungen, Bezüge zum Lochrand. Das Loch nahe am Auge oder weiter davon entfernt, ergibt einen anderen Ausschnitt und damit eine andere Sicht. Was wirkt das Geschaute in mir? Was löst es aus? Was assoziiere ich? Auf einem Blatt vergrösserte Löcher zeichnen und das Gesehene oder das Geschaute zeichnen oder malen. Auf Augenhöhe – diese Formulierung ist eine Ausdrucksweise, die wir für Beziehungen unter Menschen brauchen – auch im Blick auf Jesus. Wir sehnen uns nach einem Gott, dem wir, und der uns auf Augenhöhe begegnet. Übung 2: Perspektive Es hilft für das perspektivische (das dreidimensionale) Sehen, wenn ich erkenne, was auf, oberhalb und unterhalb der Augenhöhe liegt. Damit mir das ansichtiger wird, kann ich den Bleistift waagrecht vor meine Augen halten und allmählich den Abstand zwischen Auge und Stift vergrössern, wie wenn ich den Stift an eine Fensterscheibe hinhalten würde, die armlang von mir entfernt ist. Jetzt kann ich ablesen, welche Linien von der Augenhöhe aus abfallen und welche ansteigen und in welchem Winkel sie das tun. Mit dieser Hilfe kann ich beispielsweise Architektur leichter abzeichnen. Schon bald gelingt das ziemlich «wirklichkeitsgetreu», auch wenn ich im Zeichnen (noch) nicht so geübt bin. Als Ermutigung: Weder Zeichnung, Malerei noch Fotografie bilden Realität ab. Sie sind gestaltete, von mir geschaffene Wirklichkeit, mit meinen Bildern, Darstellungs- und Ausdrucksweisen angereichert. Das richtige Mass finden in allen Dingen hängt mit Messen und Zueinander-in- Beziehung-Setzen zusammen. Übung 3: Proportionen Ein rechteckiges Loch in der Postkarte, dass daraus der Sucher eines Fotoapparates entsteht, kann so hergestellt werden: Die Diagonalen einzeichnen und parallel zu jeder Seite eine Linie ziehen, so dass ein Rechteck mit den Proportionen der Postkarte entsteht. Ausschneiden und durchschauen. Die Distanz zu den Augen bestimmt auch hier den Bildausschnitt. Der Suchrahmen hilft, Linienverläufe besser zu sehen. Die Linien (beispielsweise der Landschaft) treffen die Begrenzung, die durch den Sucher entsteht. Diese Punkte auf dem Zeichenblatt im Format A4, A5 oder A6 in den entsprechenden Verhältnissen eintragen und dann die Linien in ihren Schwüngen, Kurven, mit ihren Ecken dazwischen einzeichnen. Es entsteht «automatisch» eine proportional richtige Bildkomposition mit den wesentlichen Linien der Landschaft. Viel Spass und guten Durchblick! Sr. Beatrice Kohler, Baldegg eine kleine Seh(und Zeichen)schule

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