7 Wenn du zu mir kommen willst, so komm! Franziskus, ein Tröstender Der hl. Franziskus versucht Bruder Leo mit folgendem Brief zu trösten: «Bruder Leo, dein Bruder Franziskus wünscht dir Heil und Frieden. So sage ich dir, mein Sohn, wie eine Mutter, weil ich alle Worte, die wir auf dem Wege gesprochen haben, kurz in diesem Wort unterbringe und rate – und wenn es dir nachher nottut, um einen Rat zu mir zu kommen – so also rate ich dir: Auf welche Weise auch immer es dir besser erscheint (...), so tu es mit dem Segen Gottes (…). Und wenn es dir notwendig ist, um deiner Seele oder deines sonstigen Trostes willen zu mir zu kommen, und wenn du zu mir kommen willst, Leo, so komm.»1 Leben teilen Der Brief an Bruder Leo hat also bereits eine Vorgeschichte. Franziskus und Bruder Leo sind zusammen einen Weg gegangen. Bruder Leo hat ein Problem, mit dem er sich an Franziskus wendet. Trost finden und Trost spenden bedeutet also, erst einmal einen Weg zum anderen unter die Füsse zu nehmen, um dann mit ihm ein Stück Weg zu gehen und das Leben zu teilen. Es braucht also jemand, dem ich etwas zutraue und der Vertrauen verdient, jemand der auch im Leid in Treue bei mir bleibt. Franziskus hört zu, achtsam und aufmerksam. Er nimmt sich Zeit für Bruder Leo und versetzt sich in seine Lage, versucht ihn zu verstehen. Was mich wirklich tröstet, das ist das Verständnis, die Anteilnahme – also einfach das Gefühl, jemand stellt sich neben mich, steht mir bei und geht mit mir mit. Er wendet sich mir zu und interessiert sich für meine Not, und ich kann einen Teil meines Schmerzes an den anderen abgeben. Und der Text schliesst mit einer Einladung: Komm! Franziskus weiss sehr wohl, dass Trost nicht einfach zu haben ist, sondern mir immer wieder neu geschenkt werden muss. Wohlwollende Beziehung Dann versucht Franziskus Bruder Leo einen Rat zu geben. Seine Hilfe, die er Bruder Leo gewährt, ist kein «Etwas». Er schenkt vielmehr Beziehung. Die Beziehung ist hier «notwendig», wirkt Not wendend. Zehnmal begegnen uns die Worte du, dein, dir. Und da sprechen Geschwister: «Bruder Leo, dein Bruder Franziskus wünscht dir Heil und Frieden.» Aber das ist nicht alles: «Ich sage dir, mein Sohn, wie eine Mutter ...». Es gibt auch die Beziehung, in der einer für den anderen Verantwortung trägt, wie eine Mutter für ihren Sohn. «Auf welche Weise auch immer es dir besser erscheint ...» schreibt Franziskus weiter – nicht mir! Franziskus entlässt Bruder Leo also in die eigene Freiheit. Er ermöglicht seinem Bruder, seinen Weg zu suchen und zu finden. Und zu guter Letzt die Aufforderung: Was immer dir besser erscheint – tu es! «Fremder Trost ist gut, doch besser ist eigener Mut,» sagt ein Sprichwort. Es geht also darum, dem eigenen Mut, dem eigenen Lebensmut wieder aufzuhelfen. Das ist das, was das Trösten letztlich ausmacht. Wir alle haben mehr oder weniger Erfahrungen mit Trösten oder Getröstetwerden. Doch was bedeutet Trost? Wer kann trösten? Wie kann Trösten gelingen? Sr. Karin Zurbriggen, Baldegg 1 Brief an Bruder Leo (BrLeo)
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