8 Wann kommst du Trost der ganzen Welt? Ich kann vorbei spazieren, wann ich will: nie hält der kleine Säugling seine Augen offen oder blinzelt mir zu. Dabei gäbe es auch für ihn viel zu entdecken: Vögel, Fliegen, Spinnen und Würmer. Knospen und lilafarbene Blüten. Sonnenstrahlen, die sich vorwitzig durch das Blätterdach drängeln, auf seinen Windeln spielen und die Nasenflügel kitzeln. Oder den Himmel. Stundenlang könnte das Kindchen sich vom Wolkenmeer in fernste Länder tragen lassen, sich schon in der Früh vom Morgenstern wecken lassen und spätabends der Venus und allen andern funkelnden Sternen ‹Gute-Nacht› sagen. Doch all das scheint das Kind nicht zu kümmern. Keinerlei Notiz nimmt es von den Leuten, die den Blauglockenbaum bewundern, in dessen Mitte es sein Bett gefunden hat. Zufrieden und entspannt liegt das Kind einfach da. So als freute es sich gleichermassen über das Vogelgezwitscher wie über das Prasseln des Regens. Und als gäbe es nichts Schöneres, als in sich hineinzuschauen und in sich hineinzuhören. Derweil geht es mit grossen Schritten auf das Weihnachtsfest zu. Täglich wiederholt die adventliche Liturgie: «Wann kommst du Trost der ganzen Welt, wann machst du unsere Armut reich, wann hat ein Ende unsere Not und weicht dem Frieden und dem Glück?». Wie sehr wünschte ich mir, dass dieses kleine Kind heuer unser Christkind und dieser prächtige Baum ihm Krippe und Herberge wäre. Doch, wer möchte schon ein Christkind mit geschlossenen Augen? Wenigstens an Weihnachten müsste es einmal aufblicken. Dann bemerkte es die Fassungslosigkeit der Menschen, denen Naturgewalten Hab und Gut entrissen haben. Dann würde es das Grollen und Spuken des fernen Vulkans, das Beben der Erde und das ohrenbetäubende Pfeifen des Hurrikans hören, das den heimatlos Gewordenen fortan in den Ohren dröhnt. Es sähe die bodenlose Not des Familienvaters, dessen Hände das Kündigungsschreiben zerdrücken. Und spürte die Tränen der geschlagenen Frau von nebenan. Oder es blickte in die hoffnungslosen Augen jener, denen die Diagnose «unheilbar» die Zukunft gestohlen hat. Ach, verlöre sich der Blick des Kindes wenigstens an Weihnachten einmal im schwarzen Loch der Verzweifelten! Er würde Lebensmüden begegnen, denen Trauer und Sinnlosigkeit trostlose Kumpanen sind. Unendlicher Kummer flöge unserem Christkind entgegen, öffnete es nur einmal die Augen! Noch aber ist unsere Nacht nicht jene von Bethlehem. Noch scheint alles wie immer zu sein. Und trotzdem wird mir weihnächtlich zumute. Und leise frage ich das Kind: «Wann kommst du Trost der ganzen Welt?». Mein Herz wird warm, wenn ich den kleinen Säugling betrachte, der friedlich auf dem Dreiecktuch im dreistämmigen Baum liegt. Ich spüre, dieses Kind ist mir längst zum Christkind geworden. Seine geschlossenen Augen haben alles gesehen, was ich sie zu schauen drängte. Sein Fäustchen am Mund verrät: Jedes ersehnte Wort ist bereits unterwegs vom Himmel zu uns. Und sein Händchen am Ohr steht für alle Töne und Melodien der Welt, für jedes Wort und jeden Seufzer. Alles ist längst im verstehenden Ohr des Kloster Baldegg Sr. Marie-Ruth Ziegler, Baldegg
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