baldeggerjournal

7 Leider gibt es in den Heiligkreuzer Archiven wenige Dokumente, die innere Gründe für die Übernahme der Benediktsregel anführen, äussere gibt es hingegen viele. Was war für die Schwesterngemeinschaft wirklich ausschlaggebend gewesen ausser der Tatsache, dass sie von 1889 an immer einen Spiritual aus dem Kloster Einsiedeln gehabt hatten? Wenn ich auf die Geschichte der Schwestern schaue, auf ihre Flucht und Vertreibung, auf ihre wiederholte Wohnungssuche, auf ihre Suche nach einer Identität, dann stelle ich mir gerne vor, dass in ihnen das Bedürfnis nach einem Leben in Sicherheit an einem festen Ort auch nach vierzig, fünfzig Jahren noch lebhaft vorhanden war. Ich stelle mir ferner vor, wie sie sich die Geschichte ihrer Vertreibung immer wieder erzählten. Nun wollten sie endlich zu einer richtigen Ordensfamilie gehören, und die Benediktsregel hatten einige von ihnen während ihrer Lehrerinnenausbildung in Arras kennen gelernt. Sie hatten sicher darin auch von der scharfen Verurteilung der Wandermönche gelesen, als da sind die Sarabaiten und die Gyrovagen, die nach eigenen Gesetzen leben als «Sklaven ihrer Launen und der Gaumenlust» (BR 1, 6-12). Freilich vollzog sich der Übertritt in den Benediktinerorden nicht ohne Hindernisse, auch konnte das Gleichmass von Gebet und Arbeit in der Aufbauzeit nur schwer eingehalten werden. Doch mit der Annahme der neuen Spiritualität wurde die Trennung von Baldegg noch stärker akzentuiert. Stabilitas loci, was bedeutet das? Ganz sicher darf der Begriff nicht auf die Ortsbeständigkeit verkürzt werden. Es geht darum, dass sich ein Mönch, eine Schwester ganz auf das einlässt, was er, sie im Kloster vorfindet. Das Leben in Gemeinschaft im Gehorsam und die Suche nach Gott ist ihr Arbeitsfeld. Es geht um die innere Beständigkeit und die lebenslange Bindung an die Klostergemeinschaft. Sie verankern ihr Leben in Gott und streben nicht danach, ihre Lebensumstände und die Mitmenschen zu ändern, sondern sich selbst im Hinblick auf Gott. Sie haben sich freiwillig der Möglichkeit des Ausweichens beraubt, um zu lernen, Gottes Anspruch standzuhalten. Nicht die eigene Selbstverwirklichung ist gefragt, sondern das innere Wachsen am Gehorsam. Die Ausdauer im Alltag, sei es im Gebet, in der Arbeit, aber auch in Schwierigkeiten mit den Mitmenschen, in Krankheit und Alter, verwurzelt sie im klösterlichen Leben und lässt sie Ruhe finden, weil Gottes Barmherzigkeit mit ihnen ist. Doch ist nicht zu übersehen, dass es auch unter den Ordensleuten Nesthocker und Nestflüchter gibt. Die Nesthocker neigen von sich aus zur Stabilität, brauchen keine grossen Ortsveränderungen, um glücklich zu sein. Das innere Wachstum kann zu einer Weite führen, der die gesetzten Grenzen nichts anhaben, im Gegenteil. Der geordnete Tagesablauf und der nüchterne Alltag verhelfen zu einem inneren Gleichgewicht, in dem man sich der Führung Gottes überlässt. Natürlich besteht die Gefahr der Bequemlichkeit, des Tretens an Ort auch in geistlichen Belangen. Die primäre Aufgabe, Gott zu suchen, immer neu und immer anders, geht vergessen in einer Art Routine und Selbstgenügsamkeit. Dem Nesthocker kann seine Ruhe plötzlich überwichtig werden, er hegt sein Gärtlein, macht einen hohen Zaun darum und achtet darauf, dass niemand sich Zutritt verschafft. Nabelschau und Röhrenblick gehören zu den grössten Gefahren, denen ein Nesthocker ausgesetzt ist. Der Nestflüchter hingegen neigt dazu, seine kleinen Freiheiten hartnäckig zu verteidigen. Geht die Gemeinschaft rechts, so schert er aus der Reihe aus, um sich dann später wieder anzuschliessen. Ist der Alltag für ihn allzu trocken, so versucht er unter dem Zaun hindurch zu grasen und sich kleine Abwechslungen zu verschaffen. Tragen alle schwarze Schuhe, so kommt er in bunten Pantoffeln daher. Arbeitsaufträge können rasch langweilig werden,Veränderungen und Kontakte werden gesucht, und meistens auswärts gefunden. Ein Nestflüchter hat eben nicht nur eine Möglichkeit, sondern sieht viele gleichzeitig, was ihm meist die Qual der Wahl beschert. Doch braucht eine Gemeinschaft solche Nestflüchter, auch wenn sie stören, weil sie immer wieder das Bestehende in Frage stellen und zum Nachdenken über die momentane Lebensform anregen. Wer jetzt glaubt, alle benediktinischen Ordensleute seien typische Nesthocker und die franziskanischen eher Nestflüchter, der sieht die Dinge zu einfach. Sowohl in Baldegg wie in Heiligkreuz sind beide Sorten vertreten, und das ist gut so. Wir sind zwar seit hundertfünfzig Jahren getrennt, aber dennoch nicht ganz so verschieden, wie es auf den ersten Blick aussieht. Sr. Simone Buchs ist seit 2004 Priorin des Klosters Heiligkreuz, Cham. Die Olivetanerinnen gründeten 1953 in Korea die Olivetan Benedictine Sisters, die heute ein selbständiges Priorat bilden und mit Heiligkreuz Cham in einer Föderation zusammengeschlossen sind.

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