8 Sr. Beatrice Kohler, Rapperswil In die Wüste fliehen und den Fluchtpunkt entdecken Immer wenn ich in Schule oder Erwachsenenbildung die Stammväter und -mütter thematisierte, erwachte der Traum erneut. Oder in Situationen von Zuviel und Überdruss sehnte ich mich nach der Öde und Einsamkeit der Wüste. Einmal die vielen Eindrücke ausblenden, weglegen, vor ihnen fliehen können … Und plötzlich erfüllte sich der Traum. Eine kleine Gruppe von Menschen, die mit dem Kapuzinerkloster Rapperswil, dem Kloster zum Mitleben, in dem ich lebe und arbeite, verbunden sind, schlug eine spirituelle Wüstenreise vor. Schon in der Vorbereitung wurde mir klar: Zu einem Spaziergang wird dieser WüstenWeg nicht. Die Lebensumstände der Beduinen in der Wüste sollten uns zum Grund des eigenen Lebens führen. Die Geschichte des Volkes Israel, der Wüstenväter und das Leben Jesu würden uns begleiten und mit den einzigartigen Naturereignissen Stoff für die täglichen Meditationen sein. So war es dann. Die Schönheit der Schöpfung Gottes in der Wüste offenbarte sich eindrücklich in Gegensätzen: hell – dunkel, warm – kalt, flach – hügelig, grün – verdorrt, weich – hart, still – laut, Himmel – Erde, öde – belebt usw. Wie sehr erstaunte es mich, dass ich morgens in der Frühe gut verstand, was jemand etwa hundert Meter von meinem Schlafplatz entfernt leise sprach oder dass ich Motorengeräusche hörte, bevor ich den dazu gehörenden Lastwagen in grosser Ferne erblickte. Oder dass wir plötzlich inmitten der Wüste durch ein Feld von kleinen Pflanzen mit winzigen weissen Blümchen schritten. Oder dass die Dromedare immer wieder zwischen verdorrten Sträuchern frisches zartes Grün zur Nahrung abrissen, während sie still vor sich hin schwankten. Oder dass im fliessenden, sich stetig dem Wind anpassenden Sand, ein grosser, schwerer Stein sichtbar wurde. Der Himmel zeichnete unendlich viele Nuancen an den Übergängen morgens und abends. Das Violett wechselte zum Rot und übers Orange zum Gelb bis schliesslich das Blau der Atmosphäre sich durchsetzte und das gleissende Sonnenlicht das Dunkel der Nacht in die blendende Helle des Tages wandelte. Der Sternenhimmel Kloster Baldegg Einmal die Wüste sehen, hören, riechen, unter den Füssen erspüren, das war ein Traum, den ich oft träumte.
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