9 ist nicht wirklich beschreibbar. Es sind unzählige Lichtpunkte und Lichtformationen am nachtschwarzen Himmel. In der Kälte der Nacht, eingemummelt im Schlafsack, nahm ich wahr, wie geborgen und erhellt ich unter dem Firmament wohnen darf. Wie nahe der Himmel mir ist, auch wenn er Lichtjahre entfernt ist. Ebenso der unendliche Horizont – die Linie, die Himmel und Erde bilden, wenn sie sich berühren, und die sich in unterschiedliche Farbtöne kleidete – ward mir Zeichen der Gegenwart Gottes in unserem Unterwegssein. Er erreicht uns. Er ist da. So erinnerte ich mich, dass Mose aus Ägypten geflohen war. Es war entdeckt worden, dass er den Aufseher, der seine Stammesgenossen schlug, ermordet hatte. Midian, das einsame, steinige Land in der Wüste wurde sein neuer Lebensort, der Zufluchtsort in seiner Angst und Not. Und in der Wüste begegnete er Gott, der sich ihm als der «ICH BIN DA» offenbarte (Exodus 2). Die vielen Zeichen der äusseren Welt und der inneren Gewahrwerdung sprachen vom ICH BIN DA in meinem Leben und Sein. Und er sprach nicht nur mit uns Christen, auch mit den muslimischen Beduinen, die sich eindrücklich immer wieder zum Gebet in der Wüste ausrichteten. Am dritten Tag dachte ich, dass alles sich wiederholt und ich nichts Neues mehr entdecken kann. Ich kannte den Sand, den Tag- und den Nachthimmel, die vielen Tierspuren rund um meine Matte am frühen Morgen und die grünen Büsche. Ich nahm auch den Duft der Dromedare und der Wüste als solche gar nicht mehr bewusst wahr. Alles war schon bekannt, gewohnt, vertraut. Da griff Mokdar, unser Karawanenführer, plötzlich in den Sand und beförderte einen Sandfisch ans Tageslicht. Ich staunte und wunderte mich, was er wohl gesehen haben könnte. Da wurde auch ich aufmerksamer und entdeckte Feinheiten, die mir vorher verborgen waren. Die Beduinen erkennen ihre eigenen Dromedare an den Fussspuren, und ich nahm lediglich wahr, dass es Dromedarspuren sind. So begann ich, mich mehr in den «Feinheiten der Stille» zu üben. Ein unermesslich weiter Raum tat sich mir auf. Das machte mich ruhig und still, liess mich noch intensiver auf die Stille lauschen und ich hörte, wie meine eigenen Lebenswirklichkeiten zu sprechen begannen. Das führte mich zum lautlosen Gespräch mit Gott. Denn «die Stille ist die Muttersprache Gottes» (Eckhard Tolle). Dieses Wüstenerlebnis besonderer Art liess mich biblische Geschichten neu bedenken, so jene von Hagar: Sie, die mit ihrem Sohn Ismael von Abraham in die Wüste geschickt wurde, umherirrte und verdurstend nach Gott rief, schaute den Engel, der zu ihr sprach: «Fürchte dich nicht, Gott hat den Knaben schreien gehört.» «Gott öffnete ihr die Augen, und sie erblickte einen Brunnen.» So entdeckte sie das für sie Lebensnotwendige und wagte mutig das Weitergehen im Blick auf die Verheissung (Gen 21). Hagar ist Gott in der Wüste begegnet. Ein palästinensisches Sprichwort weiss warum: «Als Gott die Welt erschuf, sah er sie an und liebte sie. Dann suchte er einen Ort, um in ihr zu ruhen und er wählte die Wüste.» Im Vordergründigen das Tiefgreifende erahnen und ans Licht bringen – die Wachsamkeit dafür entfalten. Sie durch Stille nähren. In der eigenen Wüste Gott als Fluchtpunkt entdecken und ihn einfach nicht mehr loslassen. Das alles hat mir die Wüste geschenkt. Und daran erinnern mich ein paar mitgebrachte Wüstenrosen, etwas feiner Sand, ein Stein und ein ausgebleichtes Stück Holz.
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