10 Von kleinen Asylanten und ihrem Asyl Aus allen Kantonswinkeln befördern Taxis die Kinder nach Mariazell und am Abend wieder heim. Heute ist Freitag und da gibt’s noch einige Fahrten mehr, weil auch die internen Kinder nach Hause chauffiert werden. Es ist ruhig geworden in den Gebäuden der Institution «Schule und Wohnen Mariazell». Sr. Petronilla Hugi und Sr. Helena Pichler leben mit zwei weitern Schwestern zuoberst im Haus. Sie sind froh, dass sie nicht mehr direkt für die Kinder sorgen müssen wie früher. Mehr als fünfzig Jahre ihres Lebens hat Sr. Petronilla hier verbracht und für Sr. Helena werden es an die dreissig sein. Heute treffen die Kinder Sr. Petronilla meist im Garten an. Diese Arbeit ist für sie wie Erziehen: säen, jäten, Geduld haben. Ihr Interesse an den Kindern und deren Schicksal hat über die Jahre nicht abgenommen. Das ist wohl ein Grund, weshalb immer wieder Ehemalige zu ihr auf Besuch kommen. Sie ist überzeugt, dass heutige Kinder genauso an ihrem Schicksal leiden wie es Kinder früher taten. Auch Sr. Helena freut sich, wenn Kinder zu ihr ins Empfangsbüro kommen, ihr etwas erzählen oder sie ihnen bei einem kleinen Problem helfen kann. Für Stiftungspräsident Gabi Wey, der seit bald einem Vierteljahrhundert die Stiftung mit ausserordentlichem Engagement präsidiert, gehören die Schwestern zu Mariazell: «Sie sind der gute Geist in unseren altehrwürdigen Mauern. Ihr Wirken ist spürbar! Die Schwestern sind im Team bestens integriert und von den Mitarbeitenden geachtet und geschätzt. Die Trägerschaft kann seit 1898 auf ihre treuen Dienste im und um das Haus, sowie auf das tägliche Gebet der Schwesterngemeinschaft zählen.» Als kleiner Junge durfte er seinen Vater oft begleiten, der als Architekt Umbauarbeiten im Kinderheim leitete. So gewann er früh Einblick in dieses Haus; allerdings mit einem gewissen Respekt, «da man mir hie und da androhte, dass auch ich ins Kinderheim müsse, wenn ich mich nicht gut betrage». 1898 ist das «Kinderasyl Maria Zell» entstanden. Ein idyllischer, wunderbarer Ort am Sempachersee mit einer Wohnlage, von der viele nur träumen. Damals aber lag der kleine Wallfahrtsort Maria Zell noch ausserhalb des Städtchens Sursee, ideal also für ein Kinderasyl. Denn der Anblick dieser Kinder war nicht leicht zu ertragen. Bitterarm war vielleicht die treffendste Beschreibung. 1901 lebten 93 KinKloster Baldegg Sr. Marie-Ruth Ziegler, Baldegg Kleinbusse stehen in Reih und Glied zur Abfahrt bereit. Aus allen Winkeln rennen Kinder herbei, zielsicher fliegen Schulsäcke in einen Bus, ein paar Buben sind noch in eine Balgerei verwickelt, andere werfen sich erlöst auf einen Autositz. Eine Szene, die sich hier täglich wiederholt.
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