12 Kloster Baldegg bauliche und konzeptionelle Verbesserungen an, um der individuellen Entfaltung der Kinder besser gerecht zu werden. Auch die Situation der Schwestern wurde öffentlich thematisiert. 1961 teilte das Sanitätsdepartement des Kantons Luzern den Leitungen der Bürger- und Kinderheime mit, dass die Schwestern an vielen Orten überbeansprucht würden. Die staatliche Anweisung gipfelte damals im Satz: «Die Schwester ist keine Arbeitsmaschine! Sie hat unbedingt Anspruch auf eine bescheidene tägliche Ausspannung.» Dazu bemerkt Sr. Petronilla schelmisch: «Ich wäre Millionärin, wenn ich alle Nachtwachen noch bezahlt bekäme. Wir waren einfach immer da, die Kinder schätzten das, und ich tat das gerne.» Die Chronik der Schwestern berichtet über den Heimalltag, über Feste und Feiern. Sie beschreibt frohe Ausflüge, Theateraufführungen und die Ferienkolonie. Dankbar erwähnt wird, wer wie viele Harassen Obst oder Kartoffeln schenkte und wie die Kinder ihnen dafür Dankesbriefe schrieben. Auch Ehemalige werden nicht ohne Anflug von Stolz erwähnt: «Unser Seppi Arnold hat heute am 25. April die Lehre als Photo-Laborant mit einer glänzenden Prüfung abgeschlossen.» Ganz anders das Bild, das die Presse in den vergangenen Monaten von den Kinderheimen zeichnet, die von Ordensschwestern geleitet wurden. Stiftungspräsident Gabi Wey beschäftigt dies sehr. «Ich frage mich: Wie war es damals in Mariazell? Haben auch wir dunkle Kapitel, die geklärt werden müssten? Ich finde es gut, dass die Luzerner Regierung klären lässt, wo in den Kinderheimen des Kantons Grenzen verletzt wurden. Nebst der Klärung der Missbrauchsvorwürfe, des Eingestehens von Schuld und der Entschuldigung wäre für mich auch wichtig, dass ehrliche Wege der Versöhnung gesucht werden. Der Blick für Schuld, Sünde, Einsicht und Reue gehören für mich dazu.» Nicht nur für die von der Kritik betroffenen Klöster und Ordensschwestern, auch für die heutigen Mitarbeitenden in Kinderheimen ist die gegenwärtige Debatte belastend. Für Marc Getzmann, der als Geschäftsführer Mariazell seit 1989 leitet, bedeutet sie, die Wahrnehmung auf diese Themen in der aktuellen Arbeit zu schärfen. Als langjähriger Insider und kompetenter Fachmann im Heimbereich bleibt er allerdings realistisch: «Dass solche Übergriffe stattfanden ist eine Tatsache, so wie Übergriffe auch heute noch stattfinden. Diese sind in jeder Zeit schlimm und für die Betroffenen schrecklich. Im Rückblick gilt es aber, den gesellschaftlichen und auch «pädagogischen» Kontext im Auge zu behalten. Für Marc Getzmann ist es wichtig, dass die Themen Gewalt Sr. Jolenda Elsener war von 1971–1989 in Mariazell tätig, zuerst als Gruppenleiterin, später als Heimleiterin. Welche Erinnerungen hast du an die Kinder? Ich erlebte eine unendlich glückliche Zeit. Im Heim waren gut siebzig Buben und Mädchen im Alter von 1 bis 17 Jahren. Ich war für eine Bubengruppe zuständig. Diese Jungs wollten vieles erleben und ausprobieren. Ich glaubte zu spüren, dass die Kinder gerne im Mariazell waren. Was waren für dich die grössten Herausforderungen ? Die meisten Probleme entstanden, wenn die Kinder mit dem Daheim nicht zurecht kamen. Wie oft trafen sie Zuhause einen neuen Papi an! Oder es wurde negativ über den fehlenden Elternteil gesprochen. Das war für die Kinder sehr schwierig. Ihren Frust galt es im Heim irgendwie aufzufangen. Wie reagiertest du auf Probleme? Ich hatte das Glück, dass die Kinder mir vertrauten, sich bei mir sicher fühlten und Aggression unter aktivem Einbezug aller Beteiligten, also auch der Eltern und externer Fachpersonen, bewältigt werden. Unerlässlich ist für ihn «einen geschützten Rahmen für alle Beteiligten sicher zu stellen, Gewalt in allen Formen zu konfrontieren und sie aktiv zu begrenzen.» Der Blick zurück in die Geschichte des Kinderheims Mariazell berührt. Kinder und Schwestern konnten ihrem Schicksal nicht entfliehen. Die Kinder nicht, weil sie sonst auf der Welt nirgends Asyl fanden, die Schwestern nicht, weil sie sich zu diesem Dienst an den kleinen Asylanten berufen wussten. und mich respektierten. Ich hatte Jungs, die viel störten und Schwierigkeiten verursachten. Glücklicherweise hatten wir damals die Bedeutung des Gesprächs erkannt. Es gab aber auch Situationen, wo es einen Klaps gab. Doch dies konnte ich nur tun, wenn der Junge Vertrauen zu mir hatte. Gemeinsam evaluierten wir meinen Klaps und alles, was dazu geführt hatte. Was war für dich Motivation zum Einsatz in Mariazell? Jedes Kind war für mich einzig, ich hatte sie gerne. Es war mir wichtig, Werte zu vermitteln und sie Werte erleben zu lassen. Wir gingen in die Natur hinaus, fuhren mit dem Velo nach Willisau ins Hallenbad, bereiteten uns vor für das Fussball-Tournier in Rathausen und Schachen. Mein Gott, nicht nur die Jungs, auch wir Leitenden waren unendlich stolz, wenn Mariazell einen Pokal heimtrug! Mir waren auch religiöse Rituale wichtig, zum Beispiel ein Abendgebet oder der Sonntagsgottesdienst. Ich habe immer gedacht: Heute verstehen die Kinder das noch nicht, irgendwann im Leben wird ihnen die Erinnerung daran aber einen Halt geben. Pflegst du noch Kontakt mit Ehemaligen? Und wie! Meine Jungs kommen schon mit ihren eigenen Kindern auf Besuch.
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