14 Trotz allem vorwärts schauen und hoffen, dass das Leben gelingt Baldegger Missionen Wer sich für Bleiben entschied, musste an die Front, nahm Hunger, Kälte, Todesangst und Verlust der Liebsten in Kauf. Fliehen hiess, dem Wohlwollen des Auslandes ausgeliefert zu sein, bedeutete Angst um die Zurückgebliebenen, Leid und Trauer um Gefallene, Untätigkeit, Einsamkeit und Fremdheit, oft auch das Gefühl, die Heimat im Stich gelassen zu haben. Wer blieb und wer nach Kriegsende in die Heimat zurückkehrte, fand nichts mehr vor, wie es war. Oft musste zuerst das Haus wieder aufgebaut werden, es gab wenig intakte Infrastruktur, Arbeit und menschliche Gemeinschaft. Es gab zwar materielle Hilfe, doch die zerstörten menschlichen Beziehungen und die getöteten oder verschwundenen Mitmenschen liessen sich nicht wieder aufbauen. Was hilft den Menschen, trotz dieser Traumata menschenwürdig weiter zu leben? Ich frage sie nie danach, manchmal erzählen sie beiläufig etwas, doch allen ist die Haltung eigen, dass das vorbei ist, dass das Leben weiter geht und es eh keine Antwort darauf gibt, wie alles gekommen ist und wer schuld ist. Weil auch das politische und gesellschaftliche Umfeld nicht dazu angetan ist, Lebensmut und Zukunftsvisionen von jungen Menschen zu fördern, stellt sich uns allen immer wieder die Frage: Was hilft uns, trotz allem vorwärts zu schauen und darauf zu hoffen, dass das Leben gelingen wird? In der Arbeit mit unseren Freiwilligen wundere ich mich immer wieder neu, wie normal lebenszugewandt viele von ihnen sind und dass sie die von Krieg geprägten Kindheitsjahre weitgehend unbeschadet überstanden haben. Sie scheinen über eine «Biegsamkeit» zu verfügen, dank derer sie an der Vergangenheit nicht zerbrochen sind. Der Begriff der «Resilienz» ermöglicht eine Erklärung. Damit ist in der Psychologie eine Art Widerstandskraft gemeint, dank der sich Menschen auch von schwersten Belastungen erholen und in einen Zustand der Lebensfreude zurückfinden. Unsere jungen Freiwilligen gehören zu den «Resilienten». Indem wir ihnen mit unseren Projekten die Möglichkeit anbieten, sich freiwillig zu engagieren, können sie ihre Widerstandskräfte nutzen zum Wohle von Menschen, die bedürftiger sind als sie selber. Sie werden Kindern und Gleichaltrigen zum Vorbild und ermutigen sie, in den Kreislauf von Hoffnung auf eine bessere Zukunft, von Selbsterkenntnis und Selbstliebe, Sorge für andere, Verlässlichkeit und Vertrauen, Lernen, Geniessen und Lebensfreude einzutreten und mitzumachen. Der Verein NARKO-NE (www.narkone.org) verwirklicht seit 2002 Projekte für Suchtprävention für junge Menschen in Bosnien und Herzegowina. Über 140 junge bosnische Serben, Kroaten, Muslime und Roma sowie schweizerische Studierende, haben sich allein 2009 freiwillig für gesunde Aufwachsbedingungen eingesetzt: – als Ältere/r Schwester oder Bruder für materiell und sozial benachteiligte Kinder – als JournalistInnen unseres Jugendmagazins Preventeen – als SchauspielerInnnen im Intercity Theaterprojekt Wegweiser des Lebens – als HandwerkerInnen und SpielleiterInnen in den Interkulturellen Sommerkreativwochen IKS – als Lernende im Ausbildungsprogramm für Mentorinnen von Freiwilligengruppen – als AktivistInnen an der Präventiade und in öffentlichen Kampagnen Sr. Madeleine lebt und arbeitet seit zehn Jahren mit Menschen zusammen, die in den Gräueln des Bosnienkrieges 1992 – 95 vor der Frage standen: Fliehen oder Bleiben? Wie immer die Entscheidung ausfiel – sie bedeutete einen Einschnitt, der den Menschen alle Sicherheiten nahm und ihr Leben unwiederbringlich prägte. Sr. Madeleine Schildknecht, Sarajewo
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=