baldeggerjournal

2 Komm an den Ort deiner Ruhe Ich gehe zum nahen See und will mich bei einem abendlichen Bad erholen. Gemütlich schwimme ich in die Weite der Küssnachterbucht hinaus. Welt- und selbstvergessen, irgendwie im raum- und zeitlosen Sein. Den grösser werdenden Abstand zum Badehaus bemerke ich erst, als die bedrohlichen Gewitterwolken sich wie ein Dach über mich ausgebreitet haben. Eilig drehe ich um, schwimme so schnell ich kann, gerate ausser Atem. Ein einziger Gedanke hat noch Platz in meinem Kopf: hoffentlich bin ich am sicheren Ufer, wenn es losbricht. Der Wellengang wird immer heftiger. Als die ersten Blitze zucken, der Regen in grossen schweren Tropfen aufs Wasser prasselt, erreiche ich am Ufer die Leiter und eile über den Steg ins Badehaus. Während ich mich umkleide, rollt der Donner, erhellen schnell aufeinander folgende Blitze die Gewitterdunkelheit, prasselt der Regen auf das Dach. Ich friere und bemerke, dass ich zittere. Und dann, endlich, atme ich auf. Ich habe es geschafft. Ich bin am sicheren Platz. Plötzlich habe ich viel Zeit und warte sinnierend. Wie oft habe ich das schon im natürlichen und im übertragenen Sinn erfahren: Ein Gewitter hat sich entladen, ich atme auf. Darin spüre ich eine Aufwärtsbewegung, Befreiung und Erleichterung, ebenso ein Erlöstsein. Ruhepausen im Alltag vermögen dieses Gefühl auch zu verschaffen. Sie sind eingestreut in den Tag und helfen, ihn zu strukturieren. Ausgeruht kann ich zu einem neuen Bogen ansetzen, kann die Spannung wieder wachsen, die Kraft sich entfalten und die Arbeit durchtragen bis zur Zielgeraden, wo es nach dem Bildungshaus Stella Matutina Ein schwüler Julitag liegt über der Halbinsel Hertenstein. Es ist Abend geworden. Sr. Mirjam Schwegler, Hertenstein

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